Ein vielstimmiger Chor

Uwe Becker, Stadtkämmerer a.D.

Dörflich in einer direkten Verbindung zur Innenstadt

Meine Mutter stammt aus dem Sudetenland, mein Vater aus der ehemals selbstständigen Gemeinde Nieder-Eschbach, wo auch ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Ein Stadtteil, der sehr dörflich geprägt war, für mich Heimat und Ankerpunkt. Dort habe ich Handball gespielt, auch meine Grundschule lag nur wenige Meter vom Elternhaus entfernt. Später bin ich auf die Ziehenschule gewechselt, das Gymnasium am Weißen Stein in Eschersheim.

Das Empfinden, in einer so dörflichen Situation aufzuwachsen und gleichzeitig aber auch einen Bezug zu einer Großstadt zu haben, der man angehört, nachdem Frankfurt mich sozusagen adoptiert hat 1972 mit der Eingemeindung, das hat Vieles über die Jahre immer wieder ausgemacht, was mein Verhältnis zum eigenen Stadtteil und den Bezug zu Frankfurt am Main als meine Heimatstadt bedeutet; das hat, glaube ich, mein persönliches Arbeiten, meine Sichtweise auf viele Dinge über die Jahre mitgeprägt.

Wir wohnten in einem Einfamilienhaus in Nieder-Eschbach, einem Eckhaus, dort, wo der Verkehr vorbeifuhr, heute immer noch vorbeifährt. Ein dörflich strukturierter Stadtteil, was Nieder-Eschbach bis heute in hohem Maße ausmacht. Direkt angebunden mit der U-Bahn-Linie an die Hauptwache, an den Südbahnhof. Dörflich in einer direkten Verbindung zur Kernstadt, zur Innenstadt.

Das Elternhaus ist noch gebaut worden von meinem Großvater; seine Familie und er selbst stammten aus dem Sudetenland, wo noch meine Mutter geboren worden war. Es war eine Siedlung, die man für Menschen gebaut hatte, die damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Spätfolge der Vertreibung dann auch nach Hessen, nach Frankfurt kamen. Zuvor lebten sie in Ilbenstadt und haben sich dann beruflich nach Frankfurt orientiert. Dort baute mein Großvater mit an diesen Siedlungs-Häusern, eines davon wurde das Elternhaus.

Frankfurt habe ich wachsen gesehen, zunehmend dann auch mit der Zeit, als ich ab der 5ten Klasse auf die Ziehenschule nach Eschersheim fuhr; morgens immer mit der U-Bahn reingefahren. Dabei habe ich den Übergang vom Dörflichen zum Großstädtischen erlebt. Auch zum Einkaufen sind meine Eltern mit mir zusammen mit der U-Bahn von Nieder-Eschbach bis zur Hauptwache gefahren. Das Erleben von Großstadt bekam dadurch etwas Unmittelbares; man konnte die Zeit der Fahrt spannend nutzen, alles wahrzunehmen, was zwischen dem Frankfurter Norden und dem Tunnel ab Dornbusch zu sehen war, was Frankfurt ausmacht in seiner Vielschichtigkeit und dem, was gerade das Zentrum Frankfurts immer für mich ausgemacht hat.

In der Familie wurde Frankfurt gemischt wahrgenommen; aus einer ehemals selbstständigen Gemeinde kommend, war man natürlich häufig zuerst Nieder-Eschbacher, oder Nieder-Eschbacherin in vielen Fällen, sodass eine hohe Identifikation natürlich mit dem eigenen Ort, dem eigenen Heimatstadtteil gegeben war. So wie wir das heute zum Teil noch erleben bis hin in den Frankfurter Westen, aber auch im Norden, wo man „nach Frankfurt reinfährt“, wie es im Sprachgebrauch heißt. Das war immer auch ein Bestandteil des Empfindens vor Ort; erst war man mit dem eigenen Stadtteil verbunden, der eigenen Nachbarschaft natürlich, und Frankfurt war dann die zweite Heimat, die alles umschloss. Insofern war es ein Gefühl, man gehöre im Grunde dem Kleinen wie dem Großen gleichzeitig an. Das hat es von Kindheit an immer spannend gemacht, sich vorzustellen, Teil einer so großen „Familie“ zu sein.

Politik = Πολιτικά politiká, politica, politicus

Mich hat sehr früh schon zu Kindheitszeiten das Drumherum interessiert, die Gesellschaft, wohin sie sich entwickelt, welche großen Themen die Welt bewegen. Das hing auch schon damit zusammen, dass bei uns zu Hause, in einer Zeit, als es eben nur drei Fernsehprogramme gab, abends durchgängig durch alle Kanäle die Nachrichten liefen und damit das Bewusstsein, was um uns herum geschieht, mich sehr früh mitgeprägt hat. Genauso auch sehr früh der Wunsch, daran mitzuwirken, mitzugestalten.

Diese grundlegende Philosophie, wenn man das auf heute überträgt, ist eigentlich der Kern dessen, was meine Arbeit auch ausmacht, und dies in einer Stadt auch wirklich tun zu können; genau dieser Spannungsbogen, das dörflich Heimatliche und das großstädtisch Internationale auf so engem Raum zu verbinden. Eine kleine Welt, wenn man so will, ein kleiner Planet für sich in einer sonst unterschiedlich geordneten, auch hessischen Landschaft, das war immer faszinierend.

Daraus resultiert auch das Bewusstsein, sich für das einzusetzen, was gut ist, was man hat. Auch ein Stück weit nach dem zu streben, was man verbessern, fortentwickeln kann und damit das, was auch Frankfurts Entwicklung ausmacht.

Wenn man als junger Mensch gesehen hat, wie schnell die Stadt sich entwickelt, wie Hochhäuser entstanden sind, die es sonst nirgendwo in Deutschland gab und in der Form bis heute nicht gibt, gleichzeitig aber auch immer mit Bezug zu dem, wo Menschen Heimat empfinden – Heimat und Internationalität, dieser Spannungsbogen ist das Faszinierende, was mich auch immer angetrieben hat. Sicherzustellen, dass die Menschen beides fühlen, auch wenn sich die Stadt fortentwickelt, immer wieder festzustellen, dass sie trotzdem Teil ihrer Stadt bleiben und nicht das Gefühl bekommt, man bliebe irgendwo auf der Strecke oder die Stadt wäre nicht mehr die eigene; sondern immer zu schauen, wie hält man die Ankerpunkte fest, wie entwickelt man sie weiter, wie auch die Stadt insgesamt sich fortentwickelt hat und entwickelt.

Die Neue Frankfurter Altstadt

Die Entwicklung der Neuen Altstadt war zunächst eine Entwicklung mit Fragezeichen, Ausrufezeichen und Brüchen. Es hatte sich zur Jahrtausendwende offenbart, dass im alten Technischen Rathaus eine massive Sanierung anstehen würde. Damals war kein Gedanke, nicht mal auch nur die Idee, dieses Gebäude abzureißen, geschweige denn dort eine neue Altstadt entstehen zu lassen. Aus der technischen Notwendigkeit der Sanierung heraus hat sich erst eine Diskussion entwickelt, die darauf abzielte, dass, wenn das Gebäude komplett zu entkernen wäre, doch tatsächlich auch eine Chance bestünde, dieses monströse Gebilde, das eigentlich nie in die Kleinteiligkeit zwischen Dom und Römer gepasst hat, gänzlich abzureißen und die Bausünden der 60er Jahre zu heilen. Noch gar nicht mit der Idee, danach eine Altstadt entstehen zu lassen, sondern zunächst mit dem Ziel, die alte Wegeführung, die Kleinteiligkeit, die Parzellierung wieder zu realisieren.

Aus den Überlegungen, diese Kleinteiligkeit wieder zu realisieren, entstand ein Wettbewerb, aus dem ein Sieger hervorging, der diese Kleinteiligkeit und Parzellierung aufzeigte, allerdings mit nicht unbedingt schönen Massenmodellen. Das führte zu einem Aufschrei in der Stadtgesellschaft, aus großem Beton solle nicht an vielen Stellen neuer kleiner Beton entstehen. Wenn man die Chance auf die alte Wegeführung habe, die historischen Bezüge wieder herzustellen und dem ganzen wieder ein Gesicht zu geben, das dem Altstadtkern gerecht werden soll, warum dann nicht gleich wieder eine richtige Altstadt bauen?

Aber auch das noch nicht mit der Zielsetzung einer umfänglichen Rekonstruktion, zumal man in den Jahren zuvor noch beispielsweise über Hotels sprach, die vielleicht anstelle des Technischen Rathauses realisiert werden könnten, und über viele andere Ideen, die noch im Raum standen. Bis die Diskussion dann tatsächlich über diese kleinteilige Parzellierung in die wirkliche Ausgestaltung von Häusern geführt hat.

Die Diskussion verlief dann gleich von Beginn an sehr, sehr vielschichtig, weil die Ideen so divers waren wie das, was sich in Frankfurt insgesamt an Diversität zeigt. Es kamen sehr schnell, als überhaupt auch nur die Fragen von Rekonstruktionen aufkamen, Erwiderungen mit erheblicher Kritik, dass man doch hier in Frankfurt, in einer so modernen und dynamisch wachsenden Stadt, jetzt nicht den Hessenpark wiederherstellen könne. Also ein Verriss quer durch die Architektenlandschaft, die natürlich dann auch wieder einwirkt auf Politik und die Wahrnehmung, ob man für das, was man dort entscheidet, was man diskutiert, für rückständig gehalten wird, ob das, was man an Ideen im Kopf hat, tatsächlich der Zeit angemessen ist. Das Bewundernswerte damals, aus heutiger Sicht, war dann aber tatsächlich, dass sich gerade auch die junge Generation aufgemacht hat zu sagen, wir möchten dort ein Stück der verlorengegangenen Geschichte Frankfurts wiederherstellen, der Stadt das Herz wieder zurückgeben.

Aus diesem Ganzen heraus hat sich dann sukzessive eine Gemengelage entwickelt, die zu dieser Frage von Rekonstruktion überhaupt erst hingeführt hat. Es gab schnell Menschen, die gesagt haben, baut sie doch so auf, wie sie verloren gegangen war; natürlich auch mit viel Idealisierung dessen, was man dort hineininterpretiert hat in eine Altstadt, die nicht an allen Stellen wirklich wohnenswert gewesen war in ihrer Dichte und Enge. Auch mit den Folgen für das, was dort von Kanalisation bis zu anderen Dingen infrage stand. Dennoch war das Bewusstsein stark, gerade weil man ja als Stadt so enorm in die Zukunft gerichtet ist, an diesem einen zentralen Altstandort auch wirklich wieder ein Stück weit Identität herzustellen.

Charakter im Aufsatzpunkt

Nachdem man nun das Bewusstsein hergestellt hatte, es solle eine neue Altstadt geben, bestand immer noch die Frage, welchen Charakter, welchen Gesamtkontext will man denn dort abbilden? Über kein Projekt ist so intensiv diskutiert worden wie über diese künftige Altstadtstruktur; über die Frage, welche Bodenbeläge es sein sollen, wie man generell mit den Gebäuden umgehen solle, bis hin zu den kleinsten Spolien. Von Anfang an bestand die Entscheidung, keine Künstlichkeit herbeiführen zu wollen, sondern tatsächlich auch nur die Gebäude zu rekonstruieren, von denen in ausreichender Zahl Pläne und Fotografien vorhanden waren, um wirkliche Rekonstruktion schaffen zu können und eben keine künstlichen Gebäude.

Eine weitere, sehr intensive Debatte darüber, welches Szenario man abbilden wolle, ergab sich aus der Tatsache, dass die ursprünglichen Gebäude über Epochen hinweg entstanden waren. In welche Normalität führt man die unterschiedlichen Gebäude aus dem 18., dem 16., dem 15. Jahrhundert wieder zurück?

Allen Beteiligten war von Anfang an klar, sich nicht einseitig beispielsweise für durchgehendes Fachwerk entscheiden zu wollen; stattdessen bestand immer das Bewusstsein, auch durchaus gegen einzelne Widerstände, eine Struktur, eine Sichtbarmachung dieser Altstadt zum Aufsatzpunkt des 22. März 1944, dem Tag der Altstadtzerstörung, herbeiführen zu wollen, wo es an vielen Stellen bereits kein sichtbares Fachwerk gegeben hatte.

Auf diesen realen Aufsatzpunkt hin sollten die Rekonstruktionen, am Ende 15 Stück, in ihrer Erscheinung zugeführt werden. Hinzu kamen die Architektenwettbewerbe der verschiedenen ergänzenden neuen Gebäude. Hier war wichtig, diese in ihren Linien und ihrer Architektursprache nicht in den Kontrast zu bringen, sondern zu einer Fortführung dessen zu machen, was die Rekonstruktionen vorgaben. Insbesondere diese Mischung spricht heute für die Qualität, die die Altstadt erreicht hat.

Organisation und Konflikte

Es war wichtig für uns, die Politik, dass wir das alles nicht allein und, wenn man so will, am grünen Tisch entscheiden würden; es war deshalb wichtig, einen Expertenkreis hinzuzunehmen, der die Dinge abwägt, der neben den technischen Realisierbarkeiten die Frage der Erscheinungsform mit in den Blick nimmt und damit die Fachwelt soweit einbezieht, dass am Ende eine qualitätsvolle Realisierung entstehen würde.

In der Diskussion um die Oberflächenerscheinung, die Brüche, die es vor Ort gab und gibt, hatten wir entschieden, den alten Krönungsweg auf seinem klassischen Niveau wiederherzustellen. Mit der Pergola haben schlussendlich wir einen gelungenen Übergang gefunden für den Umstand, dass mit dem U-Bahn-Abgang und der Tiefgarage unumgängliche Höhensprünge vorgegeben waren.

Angesichts von Fragen, wie mit einem Höhenversatz umzugehen sei, oder mit der Tatsache, dass sich das Gelände anders als in der mittelalterlichen Zeit und selbst noch 1944 verhalten hat, brauchte es einen zusätzlichen Beirat, der sich der fachlichen Expertisen mit hoher Qualität annehmen und die Politik beraten konnte in dem, was sie dort am Ende zu entscheiden hatte.

Damit war dann ein vielstimmiger Chor unterwegs, schon weil es bereits innerhalb der handelnden Koalition selbst, anfangs in den Jahren 2001 bis 2006 eine Koalition aus CDU, SPD, Grünen und FDP, eine sehr breite Aufstellung gab. Selbst innerhalb der Fraktionen, also innerhalb der Parteien, gingen die Meinungen zum Teil weit auseinander. Mit einem Instrument wie dem Gestaltungsbeirat konnten zwischen den unterschiedlichen Interessenlagen im klassischen Sinne Brücken gebaut werden und sie gemeinsam auf jene Qualität hinführen, wie sie allen wichtig war. Insofern nahm der Gestaltungsbeirat eine wichtige Rolle ein in der Moderation, wie aber auch im Vorschlagen von konkreten Themen, und hat, vom Einsatz der Spolien bis hin zur Ausgestaltung der jeweiligen räumlichen Situation enorm zur Qualität des Projektes beigetragen.

Die abschließende Entscheidungsbefugnis lag bei dem eigenständigen DomRömer-Ausschuss, den die Stadtverordnetenversammlung noch unter meiner Verantwortung gegründet hatte und dessen erster Vorsitzender ich auch sein konnte. Letztendlich war es also immer die Entscheidung der Politik, die das Projekt begonnen, durchgeführt und zum positiven Ergebnis gebracht hat. Das hätte sich die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, auch nicht nehmen lassen.

Transformation und Diskurs

Ein solches Mammutprojekt ist ein Generationenprojekt und keines, was wegen der Rendite realisiert wird. Hier haben wir von Anfang an klar miteinander verabredet, dass uns dieses Projekt in der Form, wie wir es inhaltlich entscheiden, auch den Preis am Ende wert sein muss. Das heißt nicht, dass Geld keine Rolle gespielt hat; aber das Bewusstsein, dass wir damit etwas für Generationen schaffen, überwog an Stellen, wo sonst jeder Euro dreimal umgedreht worden wäre, die Finanzentscheidungen. Deswegen war immer klar, wir setzen voraus, dieses Projekt aus einer Hand entwickeln zu wollen.

Am Anfang stand die Diskussion, ob einzelne Parzellen einzeln verkauft und damit eine gemischte Entwicklung zugelassen werden würde. Aber aus Sorge, dass womöglich einzelne Stellen nicht vorankommen würden und dadurch am Ende ein Versatz von fertig errichteten Gebäuden in einer halbfertigen Teil-Altstadt entstehen könnte, ist man schnell davon abgekommen und hat es im Grunde auch nicht wirklich verfolgt.

Diese Vorgehensweise, das Gestalten aus einer Hand, hat mich dazu geführt, die finanziellen Strukturen darauf auszurichten, dass all das möglich war. Aus dem, was zunächst absehbar war, wurde ein erster finanzieller Rahmen entwickelt, der viele Unbekannte, vom Fundament bis hin zur Realisierung, mit der Konstellation und der Bauweise, zu bedenken hatte.

Der Abriss eines solch gewaltigen Bauwerks wie das Technische Rathaus, wodurch ein riesiges Volumen an Gewicht weggenommen wird, wo sich untendrunter eine Tiefgarage befindet, eine Bahn fährt und U-Bahn-Stationen sind, bedeutete Aufwand, der auch Geld kosten würde, das war allen Beteiligten bewusst. Nicht bis in den letzten Cent hinein, man konnte nicht in allen Facetten mit klaren Zahlen arbeiten, wie wenn Sie frisch auf der grünen Wiese ein Gebäude errichten, sondern mit Ansätzen, mit Einschätzungen, mit an der einen oder anderen Stelle auch groben Betrachtungen, wie wir sie in der fortschreitenden Realisierbarkeit und Umsetzbarkeit dann auch ein Stück weit konkreter haben fassen können. Also insofern muss man sagen, ist es ein Projekt, was auch finanziell auf Generationen ausgerichtet ist. Und das war es auch allen Beteiligten von Beginn an wert.

Letztendlich entscheidend war das, was die Politik beschlossen hat. Die Entwicklung von ursprünglich fünf angedachten Rekonstruktionen hin zu den 15 war von der Maßgabe geprägt zu schauen, wo lässt sich noch über Pläne, über Bilder, über auch die Frage der technischen Realisierbarkeit, es möglich machen, noch weitere Gebäude ebenfalls zu rekonstruieren. Dabei hatte beispielsweise die heutige Eigentümerschaft keine Mitsprache gehabt, sondern das war und ist eine Entscheidung der Politik gewesen.

Anders sieht es zum Teil bei der inneren Ausgestaltung aus; auch bei funktionalen Fragen der einen oder anderen Stelle, die man gemeinsam hat lösen können, lösen müssen. Es gab auch immer Aspekte, die zwischendurch erst noch überprüft und geprüft werden mussten daraufhin, wie die Dinge zueinander funktionieren könnten, wie sie realisiert werden würden.

Aber es galt, so viel Rekonstruktionen wie möglich unter dem Aspekt, sie nicht künstlich zu schaffen, sondern nur, wenn man auch wirklich von Rekonstruktionen der Vergangenheit sprechen konnte und keine künstliche Welt dort schaffen würde.

Es gab ein enormes Ringen mit der Verwaltung, weil selbst in der Öffentlichkeit die Frage aufkam, ob man nicht doch alles 1:1 rekonstruieren könnte, was aber schon bautechnisch nach heutigen gesetzlichen Rahmenbedingungen, vom Brandschutz bis zu vielen anderen Fragen, gar nicht realisierbar war. Auch Enge und Dichte, die dort an vielen Stellen der realen alten Altstadt einfach kein Licht in die Gebäude gebracht hätten, hätte dazu geführt, dass man zwar Gebäude errichtet, aber sie kaum der Nutzung hätte zuführen können.

So unterschiedlich all die Sichtweisen manchmal nach außen waren, waren sie nach innen. Auch dort bedurfte es schon auch ein Stück weit der Überzeugung, dass die Politik hier in eine ganz bestimmte Richtung entscheiden möchte und den Anspruch hat, in diese Richtung zu gehen. Dann zieht auch die Verwaltung nach und mit, und je grader die Führung das vorgibt, umso schneller und deutlicher entwickeln sich die Prozesse. Das war in der Stadtpolitik, auch im damaligen Magistrat, nicht vom ersten Tag an ein Selbstläufer, sondern eine Bewusstseinsentwicklung, dass man sich dieses Projekts auch so annehmen will, wie es spürbar zunehmend auch die Stadtbevölkerung wollte. Insofern hat man auch gemeinsam diese Entwicklung vollzogen, Politik, Verwaltung und Bevölkerung. Das, glaube ich, war für das Projekt gut und wichtig, weil das bis hin in die kleinsten Diskussionen geführt hat. Das war zwar manchmal langatmig, aber dafür, wenn wir heute darauf schauen, umso wichtiger, weil so diese Qualität entstanden ist, von der zumindest die allermeisten sagen, dass sie gut gelungen ist.

Stadthaus

Das Ringen um das Stadthaus hatte ähnliche Komponenten wie die Gesamtdiskussion, war aber natürlich noch mal eine Besonderheit. Denn als damals klar war, dass man die Altstadt in ihrer neuen, schönen Form realisiert, nebendran die Schirn mit ihrem eigenen Raum hat, der seine eigene Ausstrahlung besitzt, dazwischen, wenn man etwas despektierlicher sagt, das Loch mit dem archäologischen Garten, begann das Ringen darum, wie man dies alles qualitätvoll in das Gesamtwerk integriert und damit den Übergang zwischen der wunderschön gestalteten neuen Altstadt und einem Ort schafft, der ja auch zuvor nicht unbedingt ein schöner Ort war; wie man es also hinbekommt, dass die Stadt insgesamt gewinnt. Die Überlegung, diesen Ort, den archäologischen Garten zu überbauen, führte dann dazu, dass über ein Gebäude entschieden wurde, für das zunächst überhaupt keine Nutzung, keine Klarheit über die spätere Verwendung gegeben war. Wenn man so will, war es im Grunde ein Gebäude, das errichtet wurde, um den Übergang von der Altstadt zur Schirn und zur Schließung dieses Lochs stadtplanerisch und gestalterisch gut lösen zu können. Der Widerstand, auch mein persönlicher innerer Widerstand in den ersten Jahren, war auch dieser Situation geschuldet, dass eine Unklarheit geschaffen und zudem die gewohnte Sichtachse auf den Dom verbaut werden würde.

Die Vorstellung, wie sieht das am Ende dann aus, wie fügt sich das tatsächlich ein, war auch eine große Schwierigkeit, gerade wegen der Frage, ob es dort überhaupt ein Gebäude braucht, zumal man damit die Sicht auf den Dom „verbaut“; nimmt man diesem Ort nicht sogar dadurch seine besondere Rolle. Diese Sorgen standen am Anfang. Aber ich glaube, inzwischen dürften die allermeisten, ich persönlich auch, ihren Frieden mit dem Stadthaus gemacht haben, zumindest architektonisch. Denn es schafft tatsächlich einen Ort im Übergang, der wunderbar passt, der sich mit seinem Stein an den Dom anlehnt und der die museale Nutzung des archäologischen Gartens in eine ganz neue Qualität geführt hat. Was man dort heute anschauen kann, wie man das erleben kann gerade im Verhältnis zu dem vorher eher stiefmütterlichen Umgang mit dem archäologischen Garten, das hat selbst auch eine ganz neue Qualität. Schon von daher hat sich das Stadthaus, glaube ich, gelohnt. Auch wenn das Haus gewissermaßen vor seiner Nutzung entschieden wurde und damit ein Grundkonflikt geschaffen wurde über die Zeit, der auch nach der Errichtung geblieben ist.

Abwägung und Glücksgefühl

Der Diskussions-, Entscheidungs- und Umsetzungsprozess ist von vielerlei Gesprächen, Expertisen, Unterlagen unterstützt worden. Das heißt, es gab an vielen Stellen den Austausch und zahlreiche Gespräche mit Architekten. Der DomRömer-Ausschuss hat sich von Anfang an sehr intensiv mit den Grundlagen befasst, auch dem, was man für die Entwicklung der Altstadt überhaupt zur Verfügung hatte, und natürlich fortwährend durch das Einbringen unterschiedlichster Expertinnen und Experten, die immer wieder, gefragt wie ungefragt, ihre Auffassung kundgetan haben.

All das auch immer gegenseitig abzuwägen, sich der Materialien anzunehmen, der Frage, was ist möglich an technischen Erfordernissen, über die architektonisch künstlerische Ausgestaltung, die Frage, wie geht man mit jenen Gebäuden um, die eben nicht rekonstruiert werden, sondern die sich symbiotisch in das Ganze einfügen sollten, die einzelnen Architektenwettbewerbe, auch die Entscheidung darüber, dass es solche Architektenwettbewerbe in dieser Breite geben soll – all das war ein langer und sehr intensiver, fortwährender Prozess, in dem immer Wert darauf gelegt wurde, so viel Qualität in Meinung, in Einschätzung, aber auch in Know-how und Expertise dort einfließen zu lassen wie möglich.

Das war Teil des Entstehens all dessen, was heute in dieser großen Qualität dort zu sehen ist.

Wenn man heute durch die neue Altstadt geht, ist es, glaube ich, für diejenigen, die an den Entscheidungen beteiligt gewesen sind, etwas, was man so schnell an anderer Stelle nicht empfindet oder auch nicht empfinden kann. Wenn Sie das „Go“ für ein Hochhaus geben, wenn Sie Bebauungspläne entwickeln für Neubaugebiete, dann ist das natürlich auch ein Stück weit etwas, wo Sie mitwirken; aber an einem solchen Punkt, wo Sie an zentralster Stelle der Innenstadt, in der Altstadt, eine Stadt prägen, die auf der einen Seite mit ihrer Skyline, mit ihren Hochhäusern schon den Weg ins dritte Jahrtausend sucht und auf der anderen Seite die Ankerpunkte setzt zu ihrer eigenen Geschichte, dann ist das ein solches Glück und ein solches Glücksgefühl, zu fühlen, zu sehen und zu wissen, gerade auch bis hin zu einzelnen Steinen, worüber man selbst mitdiskutiert und entschieden hat, dass man das als, wenn man so will, als Geschenk betrachten kann, diese Chance auch gehabt zu haben.

Uwe Becker, Bürgermeister und Kämmerer der Stadt Frankfurt a. D., Beauftragter der Hessischen Landesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.

Gesamtes Gespräch im März 2021 - Zusammenschnitt

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