Wenn man gestalten will, ist es möglich

Olaf Cunitz, Historiker

Im Sinne der Aufklärung

Mein Name ist Olaf Cunitz. Ich bin im Jahr 1968 in Frankfurt geboren und in der Nähe des alten Standorts der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität aufgewachsen. Der erste Stadtraum, den ich als Kind erfahren habe, war tatsächlich das Gelände der Universität, wo wir gespielt haben, auf Entdeckungstour gegangen sind. Später als Kind sind wir in die Leipziger Straße umgezogen, und ich habe dort sehr stark wahrgenommen, wie sich so eine wichtige Einkaufsstraße verändert, baulich, räumlich. Gebäude werden abgerissen, neue Gebäude kommen hinzu, Funktionen verändern sich, Nachbarschaften verändern sich. Als Ort ein Stück weit ganz typisch Frankfurt, wo viele Umbrüche stattfinden, nach und nach Bilder der Kindheit baulich verschwinden; das Neue hat auch seinen Charme, aber das Frankfurt meiner Kindheit verblasst und verändert sich langsam in meinem Kopf.

Frankfurt und meine unmittelbare Nachbarschaft habe ich als Kind immer wunderbar gefunden, ein toller Ort. Wir haben noch auf Brachen gespielt, und ich hatte den Eindruck, es gab viele Freiräume, die ich als Kind ohne Angst einfach nutzen konnte. Heute habe ich selbst einen jetzt zehn Jahre alten Sohn und kann mir manchmal gar nicht vorstellen, wie unbefangen ich meine Kindheit in einer Stadt wie Frankfurt in Erinnerung habe. Ich sage das extra vorsichtig: in Erinnerung habe, denn vielleicht war es auch anders, hat sich ein Stück weit verklärt. Erst später habe ich vieles von den Veränderungen begriffen und anders gewertet; das Mainufer meiner Kindheit war wirklich kein Ort der Erholung, es gab dort keine Grünflächen, sondern Kräne, Schiffe und Schrottplätze. Heute sehe ich fantastische Veränderungen, ist so viel Qualität der Stadt zurückgegeben wurden. Aber als Kind war das industrielle Treiben das Spannende.

Mein Vater war gelernter Kraftfahrzeugmechanikermeister bei der BMW-Niederlassung in Frankfurt, meine Mutter gelernte Krankenschwester, aber in meiner frühen Kindheit, bis ich zur weiterführenden Schule gegangen bin, in der damals klassisch tradierten Hausfrauenrolle, also war nicht berufstätig.

Beide sind 1930 geboren, mein Vater in Danzig und meine Mutter in Königsberg, waren beides Kriegsflüchtlinge und haben eine gewisse Odyssee durch Deutschland gemacht. Er ist in Bremen aufgewachsen, sie in der Lüneburger Heide und haben zunächst in Tauberbischofsheim gewohnt, wo meine ältere Schwester zur Welt gekommen ist, und sind dann in den 60er Jahren nach Frankfurt gezogen, dort letztlich heimisch geworden. Ich bin der erste gebürtige Frankfurter meiner Familie, mein Sohn ist jetzt zweite Generation.

Schon sehr früh hatte ich ein sicher auch nicht ungewöhnliches Interesse an geschichtlichen Themen. Wie war es damals? Das hat mich fasziniert. Wir waren ein sehr belesener Haushalt, hatten unglaublich viel Bücher, ich erinnere mich wirklich an Meter um Meter von Bücherregalen. Meine Eltern haben beide sehr viel gelesen., das hat sich auf uns Kinder auch sehr positiv übertragen. Wir konnten in alle Bücher schauen, und ich wurde neugieriger und neugieriger. Dann gab es aber ein anderes Thema, was mich mit der Zeit sehr bewegt hat. Wir hatten sehr viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg, auch alle möglichen Fach- und Sachbücher. Es war klar, ihn beschäftigte das auch sehr stark, und mein Vater war auch in der gesamten Familie derjenige, der mir auch Geschichten erzählt hat, über die die Onkels, die bei der Wehrmacht und in Kriegsgefangenschaft waren, Bombenangriffe auf Danzig, die er als Kind erlebt hat. Irgendwann kristallisierte sich in den Erzählungen heraus, dass mein Großvater väterlicherseits früh engagiert in der NSDAP war. Das hat mich dann schon als Jugendlicher sehr beschäftigt.

Ich habe angefangen zu lesen und bemerkt, dass das für meine Großeltern überhaupt kein Thema war. Es gab auch Onkel und Tanten, wo ich bemerkt habe, die reden nicht nur ungern darüber, sondern haben vielleicht auch eine unklare Einstellung zur Vergangenheit. Das, muss ich sagen, war letztlich eine sehr starke Motivation, mich mit Geschichtswissenschaften, auseinanderzusetzen. Es war früh für mich klar, dass es auch die Geschichte des Nationalsozialismus sein muss, die Zeitgeschichte, was auch, zu ihrem Leidwesen, meine Professoren in alter und mittelalterlicher Geschichte gemerkt haben. Da war die Begeisterung nicht so ausgeprägt.

Schlüsselmomente

Durch die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus bin ich mit anderen Kommilitonen über das Thema Frankfurter Altstadt gestolpert. Natürlich auch, weil wir hier studiert haben, teilweise geboren waren, hat uns die Frage nach „Frankfurt und der Nationalsozialismus“ beschäftigt; was es eigentlich gibt an Monografien, an Themen, an Büchern darüber, was war schon erforscht, wo sind vielleicht auch Leerstellen. So stolperten wir eher zufällig über das Thema nach baulichen Spuren des Nationalsozialismus in der Stadt. Das wurde der Ausgangspunkt, und wir haben uns als eigenes studentisches Projekt damit beschäftigt, sind quer durch die Stadt gegangen, haben Gebäude fotografiert, Karteikarten mit Fotos angelegt und versucht, uns darüber ein Bild zu machen. Für mich entwickelte sich aus diesem Thema meine Abschlussarbeit. Eigentlich startete ich sehr groß und wollte den Magister zu „Die Stadtentwicklung Frankfurts im Nationalsozialismus“ machen, musste allerdings nach einem halben Jahr einsehen, dass das vielleicht später eine gute Doktorarbeit werden würde. Im Institut für Stadtgeschichte entdeckte ich dann dieses mir skurril anmutende Thema der Sanierung der Altstadt durch die Nationalsozialisten, damals unter dem Kampfbegriff „Altstadt Gesundung“, man „heilt“ ein vermeintlich krankes Stück Stadt. Das wurde der Ausgangspunkt meiner Magisterarbeit, ohne auch nur im Ansatz mir vorstellen zu können, dass mich das Thema später noch mal beruflich beschäftigen würde oder dass überhaupt in Frankfurt die Beschäftigung mit der Altstadt noch mal ein riesiges politisches Thema werden würde. Unvorstellbar in den 90er Jahren.

Zunächst war es für mich eine spannende Pionierarbeit, denn es gab noch keine Abhandlung dazu. Ich hatte wirklich die Möglichkeit, ein Thema ganz neu zu beleuchten. Das ist für einen angehenden Wissenschaftler, der ich damals dachte zu sein, eine tolle Sache. Die Arbeit daran und gerade die Arbeit in den Archiven hatte eine Faszination des Schreckens. Briefwechsel und Abhandlungen zu lesen, die zwar noch das Thema berühren, aber wo man plötzlich lesen muss, wie Menschen ihre Nachbarn denunzierten, wo der eine den anderen anschwärzt, all das findet sich in den Akten. Da bekommt man schlaglichtartig einen Einblick in die Abgründe eines totalitären Regimes.

Das ist jetzt gar nichts, was typisch mit diesem Thema Altstadtsanierung zu tun hat, aber man blickt plötzlich hinter diese Kulissen einer Diktatur und ahnt anhand dieser Schriftstücke, was dort mit den Menschen passiert und wie schnell plötzlich dieser „Lack der Zivilisation“ ab ist. Vielleicht ist das wohlfeil, über Menschen zu urteilen, die man nur aus solchen Briefwechseln erahnt, aber das Gefühl von Niedertracht, was sich dort abzeichnete, hat mich tief geprägt und letztlich auch dazu geführt, mich auch mit ganz anderen Themen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Daraus haben sich Perspektiven eröffnet, die ich nicht erwartet hätte. Vielleicht wäre das auch mit der Beschäftigung eines anderen Themenausschnitts geschehen; aber durch den wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema und letztlich auch in der Rückwirkung letztlich innerhalb unseres erweiterten Familienlebens hat sich viel verändert. Unvermittelt habe ich mich in einer Rolle wiedererkannt, analytisch auf die eigenen Verwandten zu schauen und sich Fragen zu stellen. Oder, so hart das auch klingt, manche Fragen nicht zu stellen. Das ging mir zu nah und hat für mich viel verändert.

Zunächst aber habe ich meine Magisterarbeit fertiggestellt und dafür eine super Note bekommen, war total zufrieden. Der nächste logische Schritt wäre die Promotion gewesen und im wissenschaftlichen Bereich weiterzuarbeiten. Ich hatte auch die Gelegenheit, als Studierender im Historischen Museum, zwei Ausstellungen zu gestalten. Ich erkannte viele spannendende Optionen. Aber wie das so ist in einem jungen Leben, kam es dann doch anders. Ich war an der Hochschule auch in der studentischen Selbstverwaltung engagiert, und wir sind teilweise sehr konfrontativ mit der Professorenschaft zusammengerasselt. Ich war schon mit meiner Abschlussarbeit fertig und habe aus sicherer Position erlebt, wie andere meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen von den Professoren massiv unter Druck gesetzt worden sind hinsichtlich ihres politischen Engagements. Das hat mich nachhaltig verstört und mich überlegen lassen, ob ich für ein Promotionsstipendium wirklich bereit wäre, Kompromisse einzugehen.

Bereits als Studierender hatte ich für ein Marktforschungsinstitut gearbeitet und dort Studien ausgewertet; im Nebenfach hatte ich mich mit empirischen Sozialwissenschaften beschäftigt und konnte deswegen mit Zahlen gut umgehen und Berichte schreiben, die auch der Kunde verstand. Das Institut bot mir an, für sie ein paar Jahre zu arbeiten. Das war ein guter Zeitpunkt, eine Denkpause zu machen. Daraus wurden dann sieben oder acht Jahre internationale Marktforschungsstudien, ich war glücklich und zufrieden. Am Anfang habe ich noch versucht, parallel an der Promotion zu schreiben, musste mir aber eingestehen, dass das nicht funktionieren kann. Damit war das Thema einer wissenschaftlichen Karriere zu den Akten gelegt.

Obschon an der Hochschule politisch engagiert, war ich nicht parteipolitisch gebunden. In der Frühphase meiner politischen Sozialisation habe ich SPD gewählt; ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, haben mich die Grünen damals eher abgeschreckt. Die waren mir zu schrill, zu laut. Wobei ich mich in den Themen durchaus wiedergefunden habe; Umweltschutz, Naturschutz, auch das Thema Frieden, Friedensbewegung. Aber es hat noch nicht richtig gepasst. Allerdings war es die grüne Hochschulgruppe, die uns in den Auseinandersetzungen in der Fachschaft sehr unterstützt hat. Auch die damaligen aktiven Personen haben sich engagiert und als Thema in den Senat der Uni reingebracht, wovor ich totalen Respekt hatte. Die machten unser Anliegen zu ihrem Anliegen, das fand ich wirklich respektabel. Das war’s dann aber erstmal politisch bei mir, ich war dann weg von der Uni und auch froh darüber.

Es kam der Schlüsselmoment, die Bundestagswahl 1998. Wir saßen mit Freunden vor dem Fernseher, eine präapokalyptische Stimmung hatte sich schon breitgemacht, dass noch unsere Enkel nur einen Bundeskanzler Helmut Kohl kennen würden. Dann wurde die Regierung abgewählt, Rot-Grün war an der Macht. In dieser Mischung aus Euphorie, Alkohol und Zusammenhaltsgefühl beschlossen wir am Aufbruch im Land teilhaben zu wollen und in eine Partei einzutreten; von den Themen her war klar: Die Grünen. Wir sind tatsächlich zu viert hingegangen, es gab immer einen Termin für interessierte Leute, und ich habe den Eindruck, was folgte, geschah mit Lichtgeschwindigkeit. Erst machten wir die Mitgliederzeitschrift, ein halbes Jahr später knobelten wir aus, wer für den Parteivorstand kandidieren solle, und in dieser Vorstandswahl bin ich auch noch durch Losverfahren reingekommen. Es hätte alles völlig anders laufen können. Aber da waren wir, und ich selbst bin völlig drin aufgegangen. Es war ein großartiges Umfeld, neben dem Beruflichen noch etwas Sinnstiftendes zu machen. So kam ich zu den Grünen.

Zwiegespräche

Im Jahr 1999 bin ich bei den Grünen eingetreten und wurde im Herbst 99 gefragt, ob ich Beisitzer im Vorstand werden wolle, hatte aber kaum eine Vorstellung von der Funktion. Das war für mich Ehrenamt, ich hatte meinen Hauptberuf, und das hat zusammen gut funktioniert. Zwei Jahre später wurde der Vorstand neu gewählt, und ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen könne, Parteisprecher zu werden, also Parteivorsitzender in Frankfurt. Die Granden aus dem Römer, Jutta Ebeling und Lutz Sikorski, haben dann gesagt: Das machst du jetzt einfach. Das war dann auch die nächsten Jahre erstmal in Anführungsstrichen „alles hat mir Spaß gemacht“.

Wir haben mit anderen zusammen den Laden geschmissen, vor allem organisatorisch. Die Kommunalwahl 2006 näherte sich, und Lutz Sikorski, der damalige Fraktionsvorsitzende, forderte mich auf, für die Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren. Und da habe ich gesagt, puh, also weißt du, Lutz, beruflich, das wird für mich echt schwierig.

Nach einer Bedenkzeit, immerhin hatte ich einen festen Beruf, kam ich zu dem Schluss, wie schon zuvor in der Abwägung von Promotion und Marktforschung, ich könne es ja für eine Wahlperiode machen und dann in den Beruf zurückkehren. Das war natürlich wieder der totale Trugschluss. Es kam total anders. Wir haben dann 2006 eine Koalition gebildet, Lutz Sikorski ist Verkehrsdezernent geworben. Es war nicht so überraschend, ich habe mich da jetzt nicht auf den totalen Blindflug begeben, und die Fraktion fand es mehrheitlich eine gute Idee, mich zum Fraktionsvorsitzenden zu wählen. Es wurde auch wieder eine großartige Zeit.

Die Wahl von 2011 stand auch auf kommunaler Ebene völlig unter dem Thema der Reaktorkatastrophe in Fukushima, was zu einem exorbitant guten Ergebnis der Grünen führte. Ich kam in den Magistrat, fand mich wieder im Bereich Planen und Bauen, mit dem ich, muss ich sagen, beruflich, fachlich vorher nicht viel zu tun hatte.

Schon von unserem grundsätzlichen Verständnis der repräsentativen Demokratie sind wir keine Technokratie, wo nur der schlaueste Kopf einer Fachdisziplin an der Spitze der Verwaltung steht, sondern die Funktion ist es, Schnittstelle zu sein zwischen Verwaltung, parlamentarischem Bereich und Öffentlichkeit. Ohne Frage, je mehr man von der Materie versteht, desto besser. Das bedeutet, wenn man ein neues Amt übernimmt, muss man eine ziemlich steile Lernkurve hinlegen, muss sich einarbeiten, mindestens um sich auch ein Stück weit von der Verwaltung zu emanzipieren. Vor allem braucht man um sich herum Menschen, die vielleicht etwas mehr davon verstehen und denen man vertraut. Man braucht auch externe Fachleute, denen man vertraut, mit denen man sich austauschen, unterhalten kann. Dieses Prinzip gilt sicher für kommunale Spitzenämter, man kann es aber auch sogar bis auf Bundesebene weiter deklinieren.

Dann behaupte ich, wenn man nicht völlig auf den Kopf gefallen ist, kann man solche Funktionen sehr gut ausfüllen. Mit anderen Worten: Man muss nicht in der Bundeswehr gewesen sein, um Verteidigungsministerin zu werden. Man muss die Themen nicht schon zuvor mit einem akademischen oder beruflichen Erfahrungshintergrund ausgefüllt haben; aber man sollte ein grundsätzliches Verständnis haben, insbesondere von der Verantwortung, die man tatsächlich trägt, von den Akteuren, mit denen man es zu tun hat, und einen gewissen Kompass haben, um auch sich selbst kritisch zu reflektieren. Nicht zuletzt auch in Hinblick darauf, was man mit dem eigenen Handeln und mit der Verantwortung zu der positiven Entwicklung des Gemeinwesens beitragen kann. Dann ist es zudem gerade in einer kommunalen Spitzenfunktion auch eine Herausforderung, ebenso zu hinterfragen, ob ich etwas für mich mache oder, ganz hart formuliert, für mein Fortkommen, ob ich eine Vorstellung davon habe, was es für die Stadt Frankfurt bedeutet, für die Bürgerinnen und Bürger. Das ist ein Prozess, vielleicht auch ein Zwiegespräch, das man ständig mit sich führen muss.

Diskursbereitschaft

Was mich sehr erstaunt und positiv überrascht hat und was auch eines der ganz zentralen Erkenntnisse aus dieser Zeit für mich war, ist, dass die Gestaltungsspielräume, die ich als Bürgermeister und Planungsdezernent hatte, viel, viel, viel, viel größer waren, als ich es jemals gedacht hätte. Ich hatte angenommen, ich bewege mich in einem Korsett mit engeren Vorgaben und Rahmenbedingungen, und habe stattdessen festgestellt: Wenn man gestalten will, ist es möglich. Ich habe auch festgestellt, und das war eine wirklich tolle Erfahrung, wenn man als Nicht-Experte mit einer hochqualifizierten und spezialisierten Verwaltung zu tun hat und damit offen umgeht und Diskursbereitschaft mitbringt, dann ist das ein unglaublich belebender Prozess.

In meiner Amtszeit hatte ich den Eindruck, von der Verwaltung wirklich getragen zu werden; das hat mir geholfen. Ich konnte merken, wie es auch die Leute einfach klasse fanden, dass wir diskutiert haben. Dass ich sie aufgefordert habe, mich zu überzeugen oder auch mir eine Idee auszureden, wenn sie anderer Meinung waren. Je tiefer man in die Materie einsteigt, desto mehr Ideen entwickelt man dann, und die müssen natürlich auch immer auch auf Fachlichkeit, Realitätstauglichkeit, in gewisser Weise natürlich auch auf politische Mehrheitsfähigkeit geprüft werden. Das war ein fantastischer Prozess.

Mit jedem Monat habe ich mehr Spielräume entdeckt, gesehen, ausfüllen können. Das war für mich ein unglaubliches Erlebnis. Es gibt natürlich auch Grenzen. Es gibt auch die Augenblicke, wo der Kopf auf die Schreibtischplatte sackt, weil man denkt, Verwaltung, ist das langsam. Oder jetzt kommt noch ein politischer Beratungsprozess, und ich kann's nicht mehr hören, ich will doch einfach nur machen. Aber im Großen und Ganzen ist das ist schon ein gutes System aus, im amerikanischen würde man sagen, „checks and balances“.

Vor allen Dingen sind es aber die Spielräume, einfach mal zu sagen, wir machen etwas. Zum Beispiel „Urban Gardening“; da gab es Initiativen, die hatten Ideen, und die Verwaltung sagt, ist keine Stadtplanung, nicht so wirklich; diese Hürde nimmt man dann im Diskurs und sagt: doch schon, der öffentliche Raum, das ist doch schon auch ein bisschen unser Thema, nicht nur das Thema vom Umweltdezernat oder Grünflächenamt. Gegenargument: Wir brauchen Geld, dafür gibt es keine Fördermöglichkeiten.


Und dann setzt man sich ein Wochenende mal hin und schaut sich alle Förderrichtlinien durch und präsentiert am Montag in der Besprechung mit der Verwaltung eine Lösung. Dann merkt man manchmal, das hätten die auch gewusst, aber sie wollten das Geld nicht dafür ausgeben, oder sagen: ist ja eine Superlösung, so können wir es machen. Plötzlich hat man auf dem Danziger Platz ein Wahnsinnsprojekt. Dieses Gestalten macht unglaublich viel Freude. Man kann viel, viel, viel mehr machen, als man denkt.

Es gibt die berechtigte Erwartung einer Partei, auch der Fraktion, an die Personen, die durch sie in Ämter gekommen sind, auch die in meinem Fall grüne Programmatik umzusetzen. Damit hatte ich mich identifiziert, überhaupt keine Frage. Aber es gab schon den Punkt, und da gab es dann auch einen Knacks, dass ich irgendwann in einer Fraktionssitzung darauf verwiesen habe, der Bürgermeister der Stadt Frankfurt am Main zu sein und nicht der Bürgermeister der Grünen Frankfurt. Das hat nicht jeder gerne gehört, und es hat vielleicht auch irritiert. Aber es war meine feste Überzeugung, durch den Amtseid vor allem auf das Gemeinwesen verpflichtet zu sein, bisweilen eine Interessensabwägung treffen zu müssen, für die parteipolitische Belange nicht immer im Vordergrund stehen konnten. Mir wurde bewusst, dass ich mich damit früher hätte kritischer auseinandersetzen müssen.

Diese Diskussionen in der Fraktion, in den Koalitionsrunden, die politischen Abstimmungen fingen an, an mir zu zehren, mich zu nerven. Ich entwickelte eine scheinabsolutistische Vorstellung nach dem Motto, lasst mich doch nur machen; das war nicht gut und hat sich von Jahr zu Jahr ein Stück weit schleichend verstärkt. Irgendwann fiel es mir auf, dass ich die zweite Fraktionssitzung dankbar absagen konnte, weil ich noch irgendeinen anderen Termin gefunden hatte und stattdessen dann die armen Referenten hingeschickt habe. Ich merkte dann schon, wie die untereinander schon fast Hölzchen zogen, wer muss da jetzt hin? Ich will es nicht zu negativ darstellen, politische Meinungsbildung ist extrem wichtig; da gibt es kein Vertun. Aber es wurde anstrengend, war furchtbar anstrengend.

Dom-Römer-Projekt

Die ersten Debatten über das Thema Dom-Römer-Areal fanden schon vor der Kommunalwahl 2006 statt, damals noch als Parteivorsitzender habe ich total mit dem Thema gefremdelt. Ich fand es abstrus. Auch das Argument, das hässliche Technische Rathaus müsse weg, konnte ich nicht teilen; es hat mich nie gestört. Im Gegenteil, für mich als gebürtigen Frankfurter gehörte es dazu.

Interessiert hatte es mich schon, zumal ich ja darüber meine Magisterarbeit geschrieben habe. Ich hatte zu dem Thema schon eine Affinität; nur zu dem, was man machen wollte, das habe ich erstmal gar nicht nachvollziehen können. Warum wollte man ausgerechnet jetzt etwas wieder aufbauen, was seine Zeit gehabt hatte, aber vergangen ist; ein Verlust, für den es auch historische Gründe und Ereignisse gab.

Es war wieder Lutz Sikorski, der stattdessen von Anfang an von dieser Idee begeistert war. Wir waren sehr eng befreundet; so wie ich ihn kennengelernt hatte, war das Dom-Römer-Projekt eigentlich kein Thema, was auf den ersten Blick zu ihm passte. Aber es waren viele Gespräche mit ihm, die dann geholfen haben zu verstehen, was ihn daran faszinierte, was ihn regelrecht antrieb, sich dafür einzusetzen. Das wurde dann für mich ein Stück weit der Auslöser, dann auch bei mir zu hinterfragen, was eigentlich die Motive der unterschiedlichen Akteure waren, habe mich dann immer wieder gefragt, was für mich das Thema werden könnte. Was kann ich darin erkennen kann, gerade auch als Historiker. Dieser Austausch mit Lutz Sikorski und mein Zugang als Historiker wurde für mich der Schlüssel, der es mir dann letztlich ermöglichte, das Dom-Römer-Projekt als Planungsdezernent anzunehmen.

Nun hat man als Planungsdezernent wirklich hunderte von Projekten; aber ich wusste, dieses ist ein besonderes Projekt, das ich nicht einfach laufen lassen, nicht delegieren konnte. Keinem Amtsleiter oder einem Geschäftsführer einer GmbH sagen, schicken Sie mir vierteljährlich einen Bericht und gut ist, sondern ich habe gemerkt, ich brauche dazu ein eigenes Verhältnis, einen eigenen Zugang. Denn ich muss das annehmen, muss mich damit auseinandersetzen. Es im Rahmen des Möglichen auch nicht nur begleiten, sondern steuern und prägen, aktiv mit dabei sein. Das war ein Prozess, wo es mir geholfen hat, als Historiker auszuloten, was könnte für dich eigentlich der Punkt sein, festzustellen, ja, es hat für mich Plausibilität.

In der Bildung meines eigenen Standpunkts zu dem Projekt Dom-Römer-Areal, zu diesem Projekt Neue Frankfurter Altstadt, habe ich, zumindest meiner Erinnerung nach, relativ schnell vor allem gemerkt, was es für mich nicht ist: Kein architektonisches Projekt, überhaupt nicht. Im Gegenteil, das war für mich eine Scheindebatte, die aus meiner Sicht sogar in die Irre führte. Eine Debatte über Architektur anhand dieses Projekts fand ich zwar nicht durchweg verfehlt, aber hat mir überhaupt keinen Erkenntnisgewinn beschert.

Die Frage, ein Haus zu rekonstruieren, ja, oder nein, auch diese Mischung aus Alt und Neu, oder sich in architektonischen Detailfragen zu verlieren bis hin zu verzetteln, entsprach nicht meinem Verständnis der Sache. Für mich entscheidend war die Frage, kann dies ein Projekt sein, über das letztlich, mit all seinen Einschränkungen, ein Stück weit Geschichte erfahrbarer wird? Das war für mich das zentrale Thema, und alles andere war dann für mich nur das Vehikel dafür. Daraus haben sich für mich alle anderen Fragen abgeleitet und haben alle anderen Fragen hingeführt.

Doch zunächst wurde die Debatte vornehmlich architektonisch bestimmt, haben sich Leute regelrecht die Köpfe eingeschlagen. Es ging hoch her, und natürlich konnte ich diesen Streit Rekonstruktion versus moderne Architektur nachvollziehen. Hatte seine fachliche Existenzberechtigung, ohne Frage, denn über was sollen auch Architekten streiten, wenn mich über Architektur; aber damit allein hätte ich nie das Projekt für mich selbst begründen können. Solche Fragen lassen sich am Ende einfach spätestens dann lösen, wenn man genügend Unterlagen hat, genügend Ressourcen. Auch der Diskurs, schöne, interessante, zeitgenössischere Bauten neben alte Gebäude zu stellen; da findet man weltweit tolle Beispiele. Mit anderen Worten, das Thema Architektur ist dort nicht neu erfunden worden. Ich glaube auch, dass dieses Projekt zu einer Architekturdebatte nichts Neues beigetragen hat. Vielleicht ist mir das auch entgangen, das kann auch gut sein, ich bin ja kein Architekt. Ich habe es vielleicht nicht in dieser Tiefe begriffen. Ich habe es aber auch bisher nicht greifen können. Ich fand es super, dass Menschen wie zum Beispiel der Dominik Mangelmann sich mit einer fantastischen Akribie in die Details der Rekonstruktionen eingearbeitet haben. Davor habe ich höchsten Respekt, das hätte ich nie machen können. Für mich war es ein ganz anderer Aspekt, ein Antrieb auf einer anderen Ebene. Nicht im Sinne von Auf- oder Abwertigkeit, die eine Ebene niedriger, die andere höher. Es hat sich für mich völlig in einem anderen Kontext abgespielt.

Das war auch das Mantra, was ich versucht habe, in den Diskussionen, in den Debatten zum Tragen kommen zu lassen: Es ist ein Experiment, um der Erfahrbarkeit von Geschichte einen Raum zu geben. Wenn Leute mit architektonischen Entscheidungen auf mich zukamen, dann habe ich mich gefragt, ob diese Fragestellung etwas zu meinem Ansatz beitragen würde. Daran konnte ich es einfach auflösen.

Zum Beispiel gibt es zur Braubachstraße hin ein Gebäude mit einer Brandwand; eine Gruppe der Ästheten fanden das scheußlich und wollten eine andere Fassade errichten, die es so nie gegeben hatte, damit es schöner aussähe; aber für mich war es wichtig, dass ich an dieser Brandwand erklären kann, was für ein Durchbruch ursprünglich geschaffen worden war, um in die Braubachstraße fahren zu können. Dafür ist nämlich seinerzeit ein Teil der Altstadt einfach weggerissen worden, um dem Verkehr Raum zu schaffen. Das waren so die Details, die mich dann interessiert haben, anhand derer ich Entscheidungen treffen konnte. Einfach sagen können, ja, okay, so löse ich das auf. So machen wir es.

Erkenntnismaschine

Im Kontext meiner Magisterarbeit würde ich sagen, die Erkenntnis, oder eine der Erkenntnisse, aus meinem damaligen Untersuchungsgegenstand wäre zu sagen, wie die Nationalsozialisten mit der Altstadt umgegangen sind, ist ein gutes Beispiel, mit Ideologie ein Vorhaben zu instrumentalisieren; in dem hatte man Frankfurt zur „Stadt des Deutschen Handwerks“ erklärt und wollte dort eine Art Lunapark, eine Art Freilichtmuseum schaffen, an dem die „deutsche Seele des Handwerkswesens“ dann irgendwie greift, verbunden noch mit dieser Vorstellung, „das sei ein Hort widerspenstiger Elemente, finstere Gassen, alles, was … was unserem Gemeinwesen irgendwie schadet, findet dort auch Unterschlupf. So, zack, das machen wir gesund“. In dieser Hinsicht habe ich diese anfangs für mich völlig unerwartet aufflammende Diskussion um einen Wiederaufbau der Altstadt selbst kritisch hinterfragt; was für Motive steckten da wirklich dahinter? Wer will das eigentlich? Es wäre ja naiv gewesen zu ignorieren, dass da natürlich auch Leute mit einem, aus meiner Sicht, revisionistischen Geschichtsbild dahinterstanden, die tatsächlich eine gewisse deutschtümelnde Vorstellung von Geschichte hatten und haben, von einem „wir machen das Schöne, Alte, Gute wieder sichtbar“, vielleicht sogar bis hin zu „wir löschen nicht gleich eine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg aus, aber wir verdecken das irgendwie, wir instrumentalisieren das“.

Das erklärt sicherlich meine anfängliche Skepsis und Distanz zu dem Projekt. Aber gerade daraus konnte ich für mich den Anspruch entwickeln, im Sinne der Aufklärung dieses Projekts einer Möglichkeit des Erkenntnisgewinns über unsere Geschichte nutzen. Denn dazu gehört genauso das alltägliche Leben in der Altstadt wie ihre Zerstörung. Für mich wird diese Erkenntnismöglichkeit an einem Gebäude besonders eindrücklich deutlich, das ist das „Haus zur goldenen Waage“. Das ist von jemandem ursprünglich gebaut worden, der musste fliehen, hatte in Frankfurt eine neue Heimat gefunden, war supererfolgreich, hat die Stadt vorangebracht und mit der Goldenen Waage eines der schönsten Gebäude errichtet, damals gegen den Widerstand der Nachbarn. Das ist genau für mich ein Beispiel, etwas über Geschichte zu erfahren. Da kann man natürlich sagen: Stehen da Aufwand und Nutzen in einem Verhältnis bei der Rekonstruktion? Aber zumindest macht das sehr schön bildlich, was für Gedanken man an daran entwickeln kann, was für Linien man auch für das moderne Frankfurt aufzeigen kann. Das sind die Gedanken, die Beweggründe für mich bei dem Dom-Römer-Projekt.

Der diskursive Raum

Ich kann mich ziemlich sicher daran erinnern, dass es Ulli Baier zuzuschreiben ist, das Thema Partizipation und Bürgerbeteiligung konkret in diesen Prozess eingespeist und als Initiator dafür gesorgt zu haben, dass Planungswerkstätten eingerichtet und durchgeführt wurden. Er hatte sich schon über Jahrzehnte mit Stadtentwicklung und Planungspolitik beschäftigt, das Thema ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen als zurecht zentrales Element erfolgreicher Stadtentwicklung. Was die Genese im Gestaltungsbeirat betrifft, weiß ich nicht mehr so genau, wie das dort zustande gekommen ist. Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass Gremien wie die Planungswerkstätten ebenso wie der Sonderausschuss Dom-Römer, der auch von der starken Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger gelebt hat, letztlich in unterschiedlichen Ausprägungen abbildeten, dass es einen breiten Kanon unterschiedlicher Motive gab, die in das Projekt eingeflossen sind.

Für Menschen wie mich war es das Thema Geschichtsvermittlung im weiten Sinne, für andere waren das in erster Linie architektonische Themen. Für manche wiederum die grundsätzliche Frage, die wohl auch Professor Mäckler sehr umgetrieben hat: Wie bauen wir heute eigentlich Städte? Wie hat man damals gebaut? Was können wir eigentlich daraus lernen? Warum sind so viele Neubauquartiere aus unserem Empfinden eigentlich unattraktiv oder weniger lebenswert? So kamen schließlich die unterschiedlichsten Ebenen und Interessen zusammen, selbst bis hin zu diesen Ausprägungen in einer Form von reaktionär-revisionistischer Annäherung oder auch vielleicht einfach einem Empfinden, ein Stück altes Frankfurt ganz wertneutral wieder entstehen zu lassen, einfach, weil es schön ist. Was ja auch legitim ist letztlich, niemandem abzusprechen. Dann ist das auch kein besseres Argument als meine Ableitung. Wenn alle aus den unterschiedlichen Motiven letztlich das Gleiche wollen, dann ist es auch richtig, es einfach zu machen.

Spielräume

Mit meiner persönlichen Vorstellung oder Annäherung an das Thema habe ich selten Widerspruch erfahren; das waren Gedanken, glaube ich, welche die Leute, mit denen ich gesprochen habe, nachvollziehen konnten. Ob sie das jetzt plausibel fanden, ob sie gesagt haben, das funktioniert oder auch nicht, das ist nochmal was anderes. Aber sie haben gesagt, gut, die Ableitung verstehen wir. Das heißt, das war eigentlich auch nicht so kompliziert. Natürlich bei den Leuten, die, grundsätzlich dieses Thema oder einfach dieses Vorhaben für falsch gehalten haben, weil sie gesagt haben, das ist zu teuer oder das transportiert für mich zu viele Sachen, die ich schwierig, negativ finde, die haben dann auch klar zu Recht gesagt, das wird nicht darüber gelingen, mehr an Geschichte zu vermitteln, oder auch: Das ist nicht ein paar hundert Millionen Euro wert. Wir bauen lieber davon noch ein paar Museen, dann gelingt uns das damit genauso oder sogar besser. Das sind alles absolut legitime Standpunkte. Da konnte ich auch gar nichts dagegenhalten, konnte meine Annahmen nicht belegen, denn ein Stück weit begab ich mich, begaben wir uns auf ein unbekanntes Terrain.

Letztlich ist es aber so bei der Realisierung eines solchen Projekts, dass ich trotz aller Entscheidungsmöglichkeiten und Spielräume als Planungsdezernent nicht als Alleinverantwortlicher entscheiden konnte oder musste, sondern ich hatte einen Herrn Guntersdorf als Geschäftsführer, der dafür gesorgt hat, dass das Ding auch wirklich gebaut wird. Da gab es die Genehmigungsbehörden, die Bauaufsicht, die von einer Wahnsinns-Herausforderung standen, aber die wussten, was sie zu tun hatten. Und die machten das. Da war ein Professor Mäckler, der von ganz anderen Motiven getrieben wurde; aber alles geht in die richtige Richtung. Das heißt, die Frage, ob jetzt jemand meine Gründe nachvollziehen kann oder nicht, war nicht entscheidend dafür, dass es vorangeht.

Es gibt andere Projekte, da musste ich tatsächlich viel stärker inhaltlich überzeugen. Selbst wenn es mich nicht gegeben hätte und ich keinen Input hätte einbringen können, so hart es ist, wäre es auch gebaut worden. So konnte ich sagen, gut, es gibt also ein paar Aspekte, da finde ich mich wieder, habe ich eine Entscheidung getroffen. Herr Guntersdorf ist immer so freundlich zu sagen, dass das Projekt ohne mich nicht hätte durchgeführt werden können; ich weiß natürlich, das ist eine freundliche Schmeichelei, und vielleicht habe ich an der einen oder anderen Stelle wirklich ein Problem gelöst und etwas vorangebracht. Aber das war keine singuläre Aufgabe von mir.

So gesehen war die Frage meiner Haltung am Ende gar nicht ausschlaggebend oder richtungsweisend, sondern es war tatsächlich für mich das Finden einer Haltung zu einem derart wichtigen Projekt der … der Stadtentwicklung, zumal die wesentlichen Entscheidungen über die Realisierung des Projekts schon vor meiner Amtszeit getroffen worden waren. Da hatte ich als Fraktionsvorsitzender zwar schon mitgewirkt, hatte sicher auch meinen Anteil; aber ich musste in meiner Zeit als Dezernent keine zentrale Entscheidung mehr treffen, wo es auf meine Haltung angekommen wäre oder den Einsatz von Durchsetzungsvermögen oder Ähnliches.


Es gab andere Projekte, die tatsächlich in Gefahr waren. Was man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, und es ist gar nicht so lange her, dass zum Beispiel der Neubau des Jüdischen Museums aus Spargründen auf der Kippe stand. Da bin ich intern in die Bresche gesprungen, zusammen mit dem Kulturdezernent, und wir haben gesagt: nur über unsere Leichen! Da weiß ich, wenn ich und andere dafür nicht gestanden hätten, wäre dieses Projekt vielleicht nicht realisiert worden. Einen solchen Augenblick, der vielleicht auch machtpolitisch geprägt war, den gab es in Zusammenhang für mich mit dem Dom-Römer-Areal nicht, sondern es war wirklich eher ein permanentes aktives Begleiten, Weiterschieben des Projekts, sich dafür stark machen, auch mal einen politischen Beratungsprozess mit einer abschließenden Entscheidung abkürzen. Davon war die Arbeit sehr stark geprägt, muss ich sagen.

Ich hoffe, was möglicherweise rübergekommen ist bei den anderen Beteiligten, dass es ein Projekt war, wo ich wirklich mit dem Herzen dabei war und noch immer bin. Also etwas, was mir nicht egal war, von dem ich wollte, dass es ein Erfolg wird. Aber ich muss sagen, es waren nicht die großen Klippen zu umschiffen bei mir, diese Schlüsselaugenblicke waren nicht da. Es freut mich aber, wenn das bei einigen so angekommen ist, dass es mir wichtig war. Die Frage, ob meine Vorstellung sich in dem Projekt realisiert, dass es der Vermittlung oder der Erweiterung von Stadtgeschichte dient, ich glaube, kann man in zehn Jahren beantworten oder vielleicht sogar erst später.

Das ist sicher auch eine Frage, wie andere Institutionen, das Historische Museum, Bildungseinrichtungen, Schulen damit ein Stück weit umgehen, ob das irgendwann mal eine Rolle spielt bei der Frage: Lernen wir etwas über unsere Geschichte. Wenn das so wäre, dann wäre das natürlich fantastisch. Aber vielleicht ist es auch nicht so. Das werde ich vielleicht nie erfahren.

Ich kann nur sagen, aus meinem eigenen Erleben, gebaute Orte haben etwas zu meinem Geschichtsverständnis beigetragen, häufig sehr intensiv sogar. Tatsächlich auch gar nicht so in der Frage, ist das eine Rekonstruktion oder nicht, weil irgendwann verschwimmt sowieso, was ist Rekonstruktion, was ist nicht Rekonstruktion; Orte, die wir eigentlich als selbstverständlich authentisch wahrnehmen, die aber ja schon entweder eine vollständige Rekonstruktion sind wie das Goethehaus oder ursprünglich ein ganz andere Form hatten und eigentlich Nachkriegs-Architektur sind wie die Paulskirche, die aber trotzdem für uns als der historische Ort der 48er Demokratie wahrgenommen wird. Ich weiß nicht, ob das auch für die Neue Frankfurter Altstadt funktioniert. Ich hoffe es. Irgendwann werden Nachfolgegenerationen schlauer sein.

Olaf Cunitz, Historiker, 2012 bis 2016 Bürgermeister und Dezernent für Planen und Bauen von Frankfurt. In Vertretung des Oberbürgermeisters Aufsichtsratsvorsitzender der DomRömer GmbH.

Gesamtes Gespräch im April 2021 - Zusammenschnitt

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