Alle Freiheiten

Michael Guntersdorf, Stadtplaner

Krisenprojekte

Geboren wurde ich 1951 in Würzburg. Meine Eltern haben in Walldorf ein kleines Einfamilienhaus gebaut, in das wir 1957 gezogen sind. Großgeworden bin ich auch bei meinen Großeltern in Kallstadt, auf ihrem sehr großen Grundbesitz hatten wir Kinder alle Freiheiten. Die Hälfte des Jahres dort, die andere Hälfte zur Schule in Walldorf, später Langen, wo ich 1970 mein Abitur gemacht habe.

Auf eine kurze Zeit bei der Bundeswehr folgten zweieinhalb Jahre Ersatzdienst in der Frankfurter Uniklinik, später freiwillige Krankenpflege. In Nachtwachen betreute ich die Todkranken und begann parallel ein Kunststudium an der Frankfurter Städelschule. Nach zwei Jahren wechselte ich auf die Kunsthochschule in Kassel, zur Architektur und Stadtplanung, habe auch meinen Diplom-Ingenieur gemacht und mit meiner ersten Frau ein kleines Architekturbüro gegründet. Sie machte wunderschöne Zeichnungen, ich sorgte dafür, dass der Rubel rollt. Unsere Kunden waren Notare und Steuerberater.

Später sind wir nach Frankfurt zurück, und ich habe über die Bundesbank, Dresdner Bank, Metallgesellschaft immer mehr mein berufliches Auskommen gefunden, was letztendlich in zehn Jahren als Vorstandssprecher von der MG Vermögensverwaltungs AG endete, bis ich dann eines Tages keine Lust mehr hatte und gekündigt habe. Ab da hatte ich dann immer On-Demand-Jobs. Wenn irgendwo eine Krise war, haben sie mich angerufen. Ich war mal in München, mal in Düsseldorf und habe eben Krisen-Projekte bearbeitet, bis ich eines Tages den Chef von der OFB Projektentwicklung GmbH getroffen habe. So bin ich nach Frankfurt wieder zurückgekommen, um bei der OFB sieben Jahre zu arbeiten, und habe dort gekündigt, als ich das Angebot von Frau Dr. Roth bekommen hatte, die Frankfurter Altstadt zu machen.

Das lief aber immerhin so gut, dass die Stadt dann zu mir kam und ich zu dem, was ich heute mache, Leiter wurde der Stabstelle Zukunft der Städtischen Bühnen. Und das betreibe ich heute noch.

Zeichnungen

Ich habe sehr gerne Bleistiftzeichnungen gemacht. Es hätte in Frankfurt auch ein Architekturstudium gegeben, aber das war dann gar nicht so sehr das, was ich wollte. Ich habe schon noch gedacht, ich mache Kunst und Architektur. Kassel war dann tatsächlich geprägt durch solche Leute wie eben den Posenenske, den Paul Posenenske, bei dem ich auch mein Diplom gemacht habe. Dann kamen noch Jochem Jourdan dazu, der das genaue Gegenteil eigentlich war vom Posenenske, Fritz Novotny kam noch dazu, mit dem ich dann doch noch eine ganz gute Beziehung hatte.

Das hat mich dann immer mehr in die Architektur reingebracht, eigentlich über die Stadtplanung, weniger das Häuserbauen an sich, und diese Stadtplanungs-Thematik, die hat mich halt schon verfolgt bis zum Schluss. Ich habe auch mein Diplom letztendlich mit der Stadtplanungsarbeit gemacht. Insofern kann ich zum Beispiel den Mäckler, der hier in Frankfurt ja so viel anreißt, gut verstehen, der immer Stadtplanung und Architektur zusammen sieht. Das ist nämlich genau der Punkt. Unser größtes Elend stammt eben von dieser Trennung dieser Disziplinen.

Anrufe

Ich habe in der Hochschule gearbeitet, sollte eigentlich promovieren, bin aber aus der Hochschule komplett raus und habe mich dann selbständig gemacht, mich mit Bootshäusern und Garagenanbau einmal über Wasser gehalten. Aber es ging dann recht schnell, es war ganz gut zu tun. Ich war damals verheiratet. Wir haben ein Architekturbüro gemacht, hatten allerdings schon damals einen relativ hohen Anspruch, was dazu führte, dass wir ein bisschen abgedriftet sind, dann Diskotheken und solche Geschichten gemacht haben. Dann kam ein Anruf von der Deutschen Bank, wir wären doch so gute Problemlöser, wobei ich nicht weiß, woher die das hatten. Sie hätten ein Problem, ob wir uns das nicht vorstellen könnten. Dann sind wir drei Tage nach Sylt gefahren, meine Frau im achten Monat schwanger, und sind am Strand auf und ab gelaufen im dichten Nebel, haben lange überlegt, machen wir das. Dann haben wir beschlossen, wir riskieren mal was Neues, und haben in Frankfurt bei null angefangen. Ich war Berater, und meine Frau hat das Architekturbüro weiter betrieben, hatte dann aber einen Prozess, einen ganz üblen, der ging bis zum BGH. Das führt dann zu einem kompletten Revirement unseres ganzen Daseins und haben dann wieder von vorn angefangen.

Schon relativ früh sah ich mich nicht als großen Architekten, habe aber einen Blick für so etwas und kann dafür sorgen, dass die, die gut sind, auch eine Chance haben. Das habe ich dann später auch umgesetzt, als ich bei der Metallgesellschaft Vermögensverwaltung der Vorstand war; da haben wir viele Architekten beauftragt, haben auch junge Büros genommen, die kaum oder noch nichts gebaut hatten, und haben dann versucht, die zu sponsern und zu unterstützen, damit die überhaupt mal eine Chance bekommen, in den Markt zu kommen. Das liegt mir eigentlich viel mehr.

Von Haus aus bin ich eigentlich faul; aber ich kapiere relativ schnell und kann meine Faulheit damit überdecken, weil ich dadurch, dass ich kapiert habe, präzise delegieren konnte und die Leute immer auch genau wussten, was sie zu tun haben. Ich suche mir die Leute, die zu einer Aufgabe passen. Wenn sie es nicht so gut können, dann kümmere ich mich auch drum. Aber wenn ich das Gefühl habe, die können es, dann lasse ich die machen. Und ich muss sagen, ich bin ganz selten enttäuscht worden. Das hat die letzten 30 Jahre gut funktioniert.

Nobody is perfect, und ich schon ganz und gar nicht. Das weiß ich auch. Deswegen habe ich mich schon an der Hochschule darum bemüht, mir ein zweites Standbein zu schaffen, was über die ganzen Jahrzehnte sehr gut funktioniert hat. Dadurch war ich immer unabhängig. Das hat mich auch sicherer gemacht, nicht unterzugehen, wenn es mal schiefläuft. Das hat mir die Freiheit verschafft, die es überhaupt erst ermöglicht hat, sowohl früher bei der Metallgesellschaft als auch später dann bei der Stadt meinen Job so zu machen, wie ich ihn gemacht habe. Ich mache nichts, von dem ich nicht auch überzeugt bin; dann interessiert es mich gleich gar nicht mehr.

Dom-Römer-Projekt

Ich kannte die Oberbürgermeisterin Frankfurts, Frau Dr. Roth, nur flüchtig. Eines Tages wurde ich in ihr Büro gerufen, und sie fing an zu erzählen, ich müsse das machen, aber ich hatte keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Die Altstadt! Ich bin dann da rausgegangen, glaube, nach einer Dreiviertelstunde, und habe gesagt: Frau Dr. Roth, ich habe es immer noch nicht richtig verstanden, worum es geht, aber wir probieren es. Wenn es nichts wird, kann ich ja wieder aufhören. So sind wir auseinandergegangen, die Ansprache von der Frau Roth hatte mich so überzeugt, weil ich gesagt habe, wenn die Frau, die ja wirklich voll engagiert ist, mit so viel Herzblut in so einer Sache hängt, dann sollte man es wenigstens mal probieren. Und so kam ich dann dazu.

Zu dem Zeitpunkt gab es einen Plan für 13 Häuschen mit drei oder vier gemeinsamen Treppenhäuser am Rücken jeweils; hatte mit dem, was wir dann gebaut haben, gar nichts zu tun, eine Kostenschätzung, die war einfach nur schlichtweg absurd, und einen Wettbewerb, der schon am Laufen war, über den Bau des Stadthauses.

Mehr gab es eigentlich gar nicht, wir haben mit meinem Team Monate gebraucht, um überhaupt ein Projekt aus diesem ganzen Durcheinander zu machen, es überhaupt erst mal so zu kanalisieren, dass man erkennen konnte, welche Richtung es nehmen könnte. Das, was bis dahin existierte, das hatte mit dem, was gewollt war und was jetzt auch entstanden ist, überhaupt nichts zu tun, war einfach eine Bebauung der freigewordenen Fläche nach Abriss des Rathauses, das damals noch stand.

Es gab inhaltlich keine Idee, wie das denn überhaupt aussehen soll. Sind das Eigentumswohnungen, sind das Geschosswohnungen, sind es einzelne Häuser, die bewohnt werden? Was machen wir mit dem Gewerbe? Wie wird es erschlossen? Vollkommen unklar.

Dann haben wir mit vereinten Kräften erst einmal ein Ziel formuliert, wie so etwas aussehen könnte; der Straßenverlauf, wie sind die Häuser aufgeteilt, wie groß sind die einzelnen Baufelder. Es waren auch logistische Fragen, wie geht das überhaupt, wer ist der Eigentümer? Der Grund selbst gehörte der Stadt so kamen wir auf das Erbbaurecht. Das musste man erst einmal vermitteln. Unter den Erbbaurechten hatten wir auch die Tiefgaragen, machte es nicht gerade leichter, darunter war noch die U-Bahn. Das Ganze war kompliziert, und wir haben erst zunächst auf der Grundlage der historischen Vorgaben sortiert. Im Dialog mit der Politik entstand dann die Konkretisierung insoweit, als dass, entgegen der ursprünglichen Planung einer gemeinsamen Erschließung, jedes Haus separat erschlossen werden musste. Immer aber schon auch mit der ferneren Idee verbunden, was da eigentlich später stattfinden soll; das war auch mein Job, dafür zu sorgen, dass das Ganze Inhalt bekommt und nicht bloß Form. Das Ganze war ein Klein-Klein erster Güte, mit Hunderten von Gesprächen mit Politikern, mit Architekten, mit Leuten in der Stadtverwaltung, um eben aus diesem Konglomerat von Ideen und Vorstellungen und Wünschen etwas zu kreieren, was sich auch wirklich umsetzen lässt. Rechnen sollte es sich zum Schluss auch noch.

Prozesse

Ein entscheidender Schritt war tatsächlich die Installation des Gestaltungsbeirats, besetzt mit bekannten, guten Architekten und Architekturtheoretikern, der ein Widerpart war, mit dem wir uns immer auseinandersetzen mussten. Diese Diskussionen waren wesentlich inhaltsschwerer als die mit der Politik. Dort ging es um Randsteinhöhen, Stolperfreiheiten und ähnliches, aber hier dann wirklich um Architektur. Das hat dann den ganzen Prozess stark konkretisiert und wirklich in die Richtung gebracht, über einzelne Häuser, über Ensemble und über städtebauliche Wirkung entscheiden zu können. Diese Entwicklung war ein echtes Stück Stadtentwicklung und nicht bloß ein Stück Altstadtbauen.

Mich hat nicht so sehr interessiert, welche Rolle das alles jetzt über die konkrete Arbeit hinaus für die Stadt spielen würde. Mir war zwar bewusst, dass dieses Projekt schon eines ist, was für die Stadt allein schon aufgrund der Kosten und zentralen Lage eine besondere Funktion und Bedeutung haben würde; aber das ganze Ausmaß habe ich erst später erkannt, wenn ich ausländische Gruppen geführt habe oder mit verschiedenen, nicht direkt mit dem Projekt befassten Politikern gesprochen habe.

Das Projekt hätte nicht funktioniert, wenn wir nicht ein Dutzend echter Fürsprecher in der Politik gehabt hätten. Wenn ich noch die indirekten Fürsprecher nehme, waren es vielleicht auch zwei oder drei Dutzend, weil wir dann wirklich auch das Projekt sehr gut positioniert haben innerhalb der Stadtpolitik. Es war mein Hauptjob, diese ständige Kommunikation da auch aufrechtzuerhalten, und ich habe viele, sehr konstruktive Gespräche führen können, bisweilen aber mit dem einen oder anderen Politiker auch gefetzt, letztendlich aber immer konstruktiv.

Nachdem der erste Schritt gegangen war, konnte man nicht mehr zurückkehren. Da konnte man nicht mehr sagen, das lassen wir jetzt alles. Dann musste es so im Stadtgefüge entstehen, wie wir es geplant hatten, sonst hätte es nicht funktioniert. Aber es war natürlich auch klar, es gibt immer Momente, in denen man mit einem anderen aneinandergerät, der eben eine andere Position vertritt. Allein die Tatsache, dass das möglich war, dass ich da nicht der Arroganz der Macht begegnet bin, sondern dass die gesagt haben, mit dem Würstchen rede ich jetzt auch mal, war für das Projekt ganz entscheidend. Das hat mir immer wieder gezeigt, dass es doch auch für die Leute mehr ist, als nur diesen Platz da wieder zu bebauen.

Die erste Grundidee war, alles neu aufzubauen mit zwei oder drei besonders bedeutenden Häusern dazwischen, die dann die Altstadt stellvertretend darstellen sollten. Als ich mich mit dem Projekt beschäftigt habe, habe ich festgestellt, das geht so überhaupt nicht. Beispielsweise der Hühnermarkt braucht seinen historischen Rahmen, sonst ist dieser ganze Platz ein Witz, inklusive Brunnen. Das habe ich durchgesetzt in der Politik, obwohl es ein finanzielles Risiko erster Güte war, auch geblieben ist bis zum Schluss, den richtigen Hühnermarkt weitgehend historisch gebaut zu haben. Weitgehend bewusst, es sollte nicht alles historisch sein, aber der Hühnermarkt wird heute, wenn man da draufsteht, als historisch gebauter Platz erlebt, obwohl er das gar nicht ist.

Die Architektur am Hühnermarkt ist entweder dezent oder historisch bedingt sehr attraktiv und bestimmt dadurch auch den Platz. Dazu kommt, dass das Eckhaus zwischen dem Krönungsweg und dem Hühnermarkt, das jetzt mit schwarzem Schiefer verkleidet ist, auch historisch ein ziemlich trostloses Gebäude war. Von daher ist der Hühnermarkt jetzt sogar eigentlich mehr eingefasst, als das früher der Fall war. Als ich das durchsetzen konnte, wurde mir klar, dass wir einen anderen Kurs brauchen, und habe mit der Politik diskutiert, wie viel historische Häuser denn tatsächlich zugelassen werden sollten. Die private Nachfrage nach Rekonstruktionen war relativ groß, deshalb haben wir uns mit der Politik darauf verständigt, dass die Stadt die Mehrkosten subventioniert, die über einen Neubau hinausgehen, mit bestimmten Restriktionen beim Wiederverkauf. Zudem mussten diese historischen Gebäude a) sehr gut dokumentiert sein und b) wirklich originalgetreu rekonstruiert werden und, wenn möglich, auch noch an einer städtebaulich verbindlichen Stelle positioniert sein. So konnten wir letztendlich 15 Rekonstruktionen bauen. Ich bin nicht mit allen glücklich, wie ich auch nicht mit allen Neubauten glücklich bin; aber das hat dann noch einmal das Projekt Altstadt komplett verändert. Als man gemerkt hat, dass es in der Bevölkerung einen so breiten Zuspruch findet und die Leute wirklich das auch toll finden, hat die Politik den Mut bekommen zu sagen, okay, dann lassen wir mehr zu.

Organisation

Die DomRömer GmbH entstand zwangsläufig aus dem Wunsch heraus, eine eigenständige Projektentwicklungsgesellschaft zu haben, die nicht beispielsweise beim Hochbauamt angesiedelt ist. So entstand eine Bauentwicklungsgesellschaft, die sich ausschließlich um die Entwicklung der DomRömer-Bebauung kümmert, mit der Stadt als 100%ige Gesellschafterin. Wir hatten einen Aufsichtsrat, Oberbürgermeister/ Oberbürgermeisterin als Aufsichtsratsvorsitzende/n, entsprechend einige Magistratsmitglieder dann im Aufsichtsrat. DomRömer hieß die U-Bahn-Station, das war schon ein geflügeltes Wort.

Wenn man ein Organigramm zeichnen würde, wäre die DomRömer GmbH in der Mitte, umgeben von Gremien. Eines dieser Gremien war der Gestaltungsbeirat, ein anderes der Aufsichtsrat. Darüber hinaus und extrem kompliziert noch Ausschüsse, die wir bedienen mussten. Den Sonderausschuss zum Beispiel, den Kulturausschuss, die Fraktionen. Aber der Kern war tatsächlich die DomRömer GmbH. Dort liefen alle Ausschreibungen zusammen, das ganze Handling, wir hatten die Bauherren-Funktion in diesem Projekt.

Es gab im Grund zwei organisatorische Ebenen; die eine Ebene war ich selbst, habe die gesamte politische Arbeit gemacht, die Kommunikation und den Kurs bestimmt. Die andere Ebene war mit zwei Projektleitern besetzt, die sich um die Umsetzung gekümmert haben, um die Ausschreibungen, die Vergaben und den ganzen Kram, der dazugehört. Insgesamt waren wir sieben Personen, inklusive Sekretärin. Extern hatten wir dann noch auf der gleichen Ebene die Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, die das kaufmännisch betreut haben.

Ich habe das gesamte Networking gemacht, mich um die Politiker gekümmert, habe die Leute direkt angesprochen, wenn schlechte Laune war oder wenn wieder Unheil drohte am Horizont. Ich habe auch vermittelt zwischen dem Gestaltungsbeirat, der Politik und der Öffentlichkeit, habe in den Ausschüssen vorgetragen, habe erklärt, was wir machen, warum wir es so machen, warum wir es nicht anders machen und so weiter.

Ich habe die Pressearbeit gemacht, um auch eine gewisse Homogenität in der Kommunikation zu garantieren. Ich habe immer wieder das gleiche erzählt, mal mehr, mal weniger, und wir hatten dadurch einen ganz sauberen Kurs. Alle konnten nachvollziehen, was wir machen, wir haben vollkommen transparent informiert. Deswegen gab es auch nie böses Blut oder das Gefühl, dass wir irgendwo, irgendwas vertuschen oder irgendetwas nicht wirklich durchdacht ist oder so, das konnten wir immer im Keim ersticken.

Über den Wettbewerb hatten wir konkrete Bauaufgaben definiert und konkrete Architekten für die einzelne Baufelder bekommen. Wir haben die Architekten beauftragt, die wiederum haben die Ausschreibungen gemacht, das Büro Schneider + Schumacher fungierte als Bauleitungsbüro, die alles entsprechend verteilt und ausgewertet und auch selbst den Bau geleitet haben. Mittlerweile ist die DomRömer GmbH vor allem die Hausverwaltung. Das Grundstück ist ein Erbpachtgrundstück, nur das gehört der Stadt Frankfurt. Die Erbbaurechtsnehmer sind die einzelnen Eigentümer. Die einzelnen Eigentümer haben entweder Wohnungen oder ganze Häuser, gibt beides.

Durch die Corona-Pandemie sind die ersten Probleme aufgetreten, auch wirtschaftliche Probleme im einen oder anderen Fall. Aber im großen Ganzen ist es jetzt so, dass das, was wir damals installiert haben, bis hin zur Besetzung der einzelnen Geschäfte, jetzt einfach nur noch am Leben erhalten werden muss, so hatten wir auch geplant. Bisweilen gibt es den einen oder anderen Austausch, ein Geschäft hat, glaube ich, aufgegeben, eins war noch nicht vermietet. Die DomRömer GmbH verwaltet das, kümmert sich darum, dass die einzelnen Leute ihre Nebenkosten bezahlen, beseitigt Mängel und so weiter.

Gute Architektur

Als Ergebnis des Architekturwettbewerbs hatten wir für jedes Baufeld, für jedes Grundstück, was wir definiert hatten, fünf, sechs, sieben, manchmal nur drei Entwürfe, unter denen dann die Jury, in der unter anderem Herr Mäckler und ich waren, ausgewählt und prämiert hat. Es gab Probleme, wenn wir Baufelder hatten mit drei, vier Spitzenentwürfen, aber nur eines umsetzen konnten. Umgekehrt hatten wir auch Baufelder mit vielleicht drei, vier, die alle schlecht waren. Dann wurde auch mal ein schlechterer umgesetzt, mit verzweifelten Versuchen im Laufe der Monate noch mal nachzubessern. Aber es gibt einige, das sieht man auch ganz eindeutig, die haben nicht performt. Das war aber nicht zu ändern, weil wir Entwürfe nicht von einem anderen Grundstück Häuser umsetzen konnten. Das hätte nicht gepasst, wäre auch rechtlich nicht gegangen.

Beispielsweise im Fall von Jordi & Keller Architekten war es so, dass sie zunächst nur ein Haus gewonnen hatten, Markt 8. Das andere Haus an der Spitze, Markt 40, wurde nachgereicht in einer zweiten Runde. Das war vorher zunächst besetzt mit einem gruseligen Entwurf, den die Jurymehrheit setzen wollte. Der sah aber aus wie eine wilhelminische Grundschule, undenkbar. Ich habe gedroht, im Falle dieser Entscheidung mein Amt niederzulegen. Ich kann es eben nicht besser machen, aber ich kann sagen, wenn was schlecht ist. Es gab dann einen weiteren Wettbewerb für das Grundstück; den haben Jordi & Keller Architekten gewonnen. Gott sei Dank. Der Entwurf hat am besten den Ort aufgenommen, ist die perfekte Verbindung von Ort und Gebäude. Ein Neubau, der das widerspiegelt, was er widerspiegeln soll, die Lage und die Situation, und auch die Geschichte durch den Einbau der alten Fassadenteile; sehr schön, sehr sensibel, sehr gut gemacht.

Politiker und Politikerinnen davon zu überzeugen, was gute Architektur ist, habe ich meistens dem Mäckler überlassen und dem Gestaltungsbeirat. Wenn man als Person zu sehr präsent ist, sich zu sehr hineinkniet, wird man irgendwann nicht mehr ernstgenommen, dann weiß jeder andere alles besser. Deswegen habe ich auch für ganz banale Anliegen immer Externe dazu geholt, nach Möglichkeit Akademiker, die dann in irgendwelchen Ausschüssen oder in irgendwelchen Gremien meine Positionen vorgetragen haben. Da hat dann keiner widersprochen in der Politik. Wenn ich das selbst gemacht hätte, hätte ich mit allen möglichen Leuten ständig bis ins Detail über den letzten Mist diskutieren müssen; das konnte ich mir ersparen. Das ist zwar sehr sublim oder teilweise sogar infam, so zu agieren, aber auf diese Art und Weise haben wir relativ problemlos fast alles durchgekriegt.

Und wenn es um Architektur geht, war der Mäckler auch sehr impulsiv, der hat sich dann auch mal richtig aufgeregt und hat die Leute alle beschimpft. Alle haben sie ihn gehasst dafür, aber haben dann abgenickt; das hat natürlich auch viele Probleme gelöst. Ich muss sagen, ich habe mich mit Mäckler wirklich gut verstanden. Wir haben oft unterschiedliche Meinungen gehabt, aber in der Sache waren wir ganz selten auseinander. Bei der Pergola zum Beispiel. Die hätte ich so nicht gebaut. Aber was die Architektur der Häuser anging, haben wir uns gegenseitig, glaube ich, sehr unterstützt, ich ihn in der Politik und er mich in der Öffentlichkeit oder umgekehrt, je nachdem, wie es gebraucht wurde. Deswegen haben auch heute noch ein gutes Verhältnis miteinander.

Der richtige Ort

Frau Roth ist zurückgetreten, weil die CDU gedacht hatte, dass der jetzige Landtagspräsident Boris Rhein automatisch gewählt werden würde, stattdessen wurde es die große Stunde von Herrn Feldmann. Nach anfänglichen Schwierigkeiten haben wir heute noch ein gutes Verhältnis in der Sache. Im Aufsichtsrat hatte aber nicht er als Oberbürgermeister den Vorsitz übernommen, wie es eigentlich in der Satzung steht, sondern Bürgermeister Olaf Cunitz als seinen Stellvertreter delegiert. Also, muss ich wirklich sagen, das war eine Freude. Mit ihm habe ich mich sehr gut verstanden, und wir haben sehr gut zusammengearbeitet. Er hat sehr viel dazu beigetragen, dass das Projekt so gut gelaufen ist, weil er wirklich hinter der Sache gestanden hat, weil er sie vertreten hat, nicht nur vordergründig, sondern auch mit Substanz, er ist ja Historiker, sodass es auch wirklich Spaß gemacht hat, dieses Projekt. Mit dem Mann konnte man echt gut arbeiten.

Das war entscheidend. Wenn wir nicht so einen Mann auf der politischen Seite gehabt hätten, hätte es passieren können, dass das Ding vordergründig in die Architektur abdriftet. Die Gefahr bestand durch einen Gestaltungsbeirat, der sich aus Architekten zusammensetzt. Aber da hatte ich mit Cunitz einen kongenialen Partner, der das ganze inhaltlich gesehen und sehr viel dazu beigetragen hat, dass wir auch Wogen glätten konnten und das Projekt nicht zur bloßen Formsache oder platten Form wurde.

Wenn man heute sagt, wir vermitteln mit dem Dom-Römer-Projekt und somit ungefähr 3% der Bebauung, die die Stadt dort ursprünglich hatte, ein Stück Altstadt, ist das nur bedingt richtig. Tatsächlich vermitteln wir ein Stück hochmittelalterliche Altstadt in einer besonderen Ausprägung; das war schon die Stadt der besseren Leute, keine Stadt der armen Leute.

Es soll weniger die Geschichte der mittelalterlichen Stadt erzählt werden, schon gar nicht die der armen Leute, sondern ein Stück Stadt nach historischem Vorbild zu machen auf diesem bedeutenden Stückchen Land zwischen Dom und Römer. Das es, fast zufälligerweise, ein besonders begehrtes Viertel war, lag an der Höhenlage. Es lag hochwassersicher am Hafen, weswegen auch die äußeren Erdgeschosse alle drei, vier, fünf Meter hoch für entsprechende Lagerflächen waren, ähnlich wie in Venedig. Von daher ist es ein reiner Zufall, dass es so entstanden ist. Wir hätten auch das Fischerfeldgässchen bebauen können, aber das hat keinen Menschen interessiert. Vor allen Dingen haben Sie da nichts, was sie wirklich rekonstruieren könnten. Das waren alles Schuppen. Die Leute, die da wohnten, wohnten wirklich in ärmlichsten Verhältnissen. Das hätte auch den Leuten die Altstadt nicht nähergebracht. Aber zu verstehen, dass die Geschichte Frankfurts auch mit hochherrschaftlichen Gebäuden wie der Goldenen Waage, mit reichen Leuten, vor allem auch mit reichen Leuten, die aus dem Ausland gekommen waren, die ihr Know-how mitgebracht hatten, die überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass Frankfurter das wurde, was es heute ist, das war uns wichtig, und das wollten, konnten wir so zeigen.

Die Altstadt-Rekonstruktion ist, zusammenfassend gesagt, geschuldet dem Wunsch der Stadt, auch der interessierten Bürger, die Geschichte Frankfurts wieder sichtbar zu machen. Einfach sich darauf zu besinnen, dass Frankfurt auch eine eigene, europäische Geschichte hat und nicht bloß Flughafen und Frankfurter Kreuz und Bahnhof ist. Das war eines auch meiner ersten Ziele, wirklich das Stück Altstadt dazu zu benutzen, die Geschichte besser zu verstehen, sich überhaupt Gedanken über die eigene Geschichte zu machen. In dem Moment, wo man sie durchlaufen kann, auf dem Hühnermarkt steht, unten die römischen Fundamente, karolingischen Fundamente sieht, den Hafen drüben, das Museum, entsteht ein ganz anderes Verhältnis zur eigenen Stadt. Das haben viele Besucherinnen und Besucher auch immer wieder bestätigt. Das trägt wirklich dazu bei, dass das Image von Frankfurt, auch in den Köpfen, ein wesentlich positiveres ist, als es vorher war. Allein schon damit hat dieses Projekt seinen Zweck erfüllt.

Noch heute bin ich manchmal überrascht, wenn ich auf der Straße von Menschen erkannt werde, die mit Begeisterung von diesem Projekt sprechen und das alles mir zuschreiben, was natürlich Blödsinn ist, denn das war ein Teamwork. Ich habe vorher eigentlich immer in aller Stille gearbeitet ohne große Öffentlichkeit. Die wenigsten wissen, wie viel ich tatsächlich schon gemacht habe hier in Frankfurt, wie viele Spuren ich hinterlasse.

Mit dem Dom-Römer-Projekt wurde es plötzlich ganz anders. Dieses dann In-der-Öffentlichkeit-stehen-müssen, es ging ja gar nicht anders, das hat mich am Anfang schon ganz schön genervt.

Es ist nicht so, dass ich undankbar wäre. Aber es ist nicht meine Welt. Ich habe ganz viele Jobs in meinem Leben ausgeschlagen, weil sie einfach zu öffentlich waren. Das wollte ich nicht. Ich war auch nie so scharf auf Geld, dass ich unbedingt einen Job machen musste, weil es da viel Geld gibt, diese Freiheit habe ich mir eigentlich immer bewahrt. Das hat aber im Umkehrschluss auch immer bedeutet, ich wollte nicht so sehr im Rampenlicht stehen.

Aber das war eine ungewollte Notwendigkeit bei diesem Projekt, es sehr stark auch in Person vertreten zu müssen, die Galionsfigur zu machen, weil dieses Projekt keinen vorgezeichneten Weg hatte. Es war wie bei einem Gespann mit sechs Pferden; es gab keinen, der wirklich auf dem Kutschbock saß und gesagt hat, jetzt geht’s los. Alle standen vorne und haben die Pferde gehalten und wollten los. Wenn das Projekt dann doch eine Stimme bekam, was es zwangsläufig meine, weil sonst keiner da war. Ich war allein der Geschäftsführer. Das hat im Endeffekt das Projekt so stark mit mir verbunden. Aber es ist mir durchaus klar, so ein Projekt machen Sie allein gar nicht.

Michael F. Guntersdorf, Projektleiter, Architekt und Stadtplaner, von 2009 bis 2018 Geschäftsführer der DomRömer GmbH.

Gesamtes Gespräch im April 2021 - Zusammenschnitt

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