Grundempfinden einer Exklusivität

Marc Jordi, Architekt

Voralpengebirge

Mein Weg zur Architektur ist geprägt von der Fähigkeit, zeichnen zu können, und von einem gewissen Grundempfinden einer Exklusivität, in die ich mütterlicherseits 1967 in Konolfingen hineingeboren wurde, ungefähr 20 Kilometer vor Bern, der Hauptstadt der Schweiz. Konolfingen im Voralpengebirge ist geformt durch schöne Hügelzüge, saftige Täler, Landwirtschaft und etwas Industrie.

Meine Mutter hat eine Lehre in Bern gemacht in einem exklusiven Möbelladen für moderne Klassiker, mein Vater bei meinem Großvater mütterlicherseits in dessen Betrieb für Heizungen und Öltankanlagen gearbeitet.

Die Mischung aus Landwirtschaft, großen Höfen, schweren Gebäuden mit Rauchküchen, industriellen Anlagen mit der Produktion von Heizkesseln und Öltankanlagen bei meinem Großvater und natürlich unser Wohnhaus selbst, einem schönen Gebäude aus den 60er Jahren in typisch Schweizer Sichtbetonbauweise, in dem ich und mein Bruder aufgewachsen sind, haben mich geprägt.

Zeichnungen

Schon als Kindergartenkind wurde ich belobigt für meine schönen Zeichnungen, und über die Beziehung meiner Eltern konnte ich zunächst beim Dorf-Architekten eine Schnupperlehre machen. Der Dorf-Architekt war derjenige, der die wesentlichen Bauaufgaben ausgearbeitet hat, im Gemeinderat saß und Ansprechpartner war für diese Region, wenn es ums Bauen ging. Ein Jahr später habe ich mit 15 ½ Jahren in einem Büro in Bern eine Lehre begonnen.

Meine Tante hatte als Grafikerin in Bern einen renommierten Grafikerbetrieb und wohnte in Bern in der Halensiedlung, erbaut von den Nachfolgern Le Corbusiers. Die Räume der überdurchschnittlichen Architektur in Schweizer Sichtbetonqualität aus den 60er Jahren waren prägend, ebenso wie eine bestimmte Ästhetik des Rohen.

Mein Lehrmeister, den ich über die Kontakte meiner Eltern kennengelernt hatte, war ein exklusiver Architekt für traditionelle Berner Architektur. Durch ihn habe ich das Zeichenhandwerk, wie es mir vertraut war, auf ein architektonisches Zeichner-Handwerk erweitert.

Er hat mir auch vieles gezeigt, was Bern ausmacht an architektonischen Schönheiten, die man erst mal nicht so sieht, weil man sie nicht wahrnimmt. Aber wenn man sie dann selbst zeichnen muss, dann ist es eben nochmal was anderes.

Von der Rückseite des Berner Münsters ist mir die Aufschrift auf einer Tafel in Erinnerung: „Mach's nach!“ und die Einsicht, dass man das nicht allein machen kann, nur als kollektives Werk.

Anschließend habe ich wieder eineinhalb Jahre in einem Landbüro gelernt und habe dort unter anderem die Aufgaben gehabt, Ställe umzubauen, Bauernhäuser zu renovieren und habe auch meine ersten bauleiterischen Erfahrungen gemacht, habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen, Kollegialität erfahren unter den Mitarbeitern und den Bauleuten.

Übergänge

Im Übergang vom Land in die Stadt verstand ich, dass es einen Transport von architektonischen Einflüssen auf das Land gibt und umgekehrt. Zugleich habe ich die Grenze dessen gesehen und das Gefühl bekommen, dass Gebäude manchmal schöner waren, bevor sie saniert worden sind, nicht schöner danach.

Ich habe dann noch ein Jahr Militär gemacht und dann drei Jahre in Burgdorf Architektur studiert. Ein kurzes, effektives Studium, zusammen mit der Lehre eine sehr gute Ausbildung. An dieser Fachhochschule wurde ich auch von einem sehr guten Kunstlehrer unterrichtet, der mir den Zugang zu Kunst geöffnet hat, und habe nach dem Studium ein Bildhaueratelier gehabt, ein Steinmetzpraktikum gemacht und erkannte die Auseinandersetzung mit freier Kunst als eine Möglichkeit für mich.

In Bern hatte ich im sogenannten Kunstkanal meinen Werkplatz, war auch mit meiner ersten Freundin zusammengezogen, hatte mein Atelier in der Wohnung und habe Teilzeit als Architekt gearbeitet. Nach einer großen Krise hörte ich, dass es in Berlin viele Architekten braucht, war zunächst zwei Wochen dort, habe gesehen, dass es gute Luft ist für Architekten und eine offene Gesellschaft gab, bin ein Jahr später ausgewandert und habe mich in Berlin für zunächst zwei Jahre niedergelassen. Nach diversen Phasen in Architekturbüros arbeitete ich bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und lernte vieles über die Stadt.

Mit diesem Rüstzeug wurde ich selbstständig. Etwas später kam Susanne und dann Hans. Wir konnten uns jahrelang nicht komplett nur über Aufträge ernähren, sondern mussten zusätzlich Jobs annehmen. Irgendwann hat es geklappt, und nach ersten Wettbewerbsteilerfolgen realisierten wir ein erstes Projekt. Die Erweiterung eines Einfamilienhauses in Zehlendorf wurde publiziert und hat Aufmerksamkeit auf uns gezogen.

Wettbewerbsbeiträge waren damals fast die einzige Möglichkeit, an Aufträge zu kommen. Die wenigen Kontakte, die wir in Berlin hatten, waren auf städtebauliche Gutachten für die Verwaltung ausgerichtet, die uns aber als Architekturbüro kaum am Leben erhalten konnten.

Ein zweiter Preis in Bozen für ein Krankenhaus hätte den Eintritt in das Spezialthema Krankenhausplanung eröffnen können. Wir haben uns aber stattdessen auf das Thema der zerstörten Stadt in Berlin, des Stadtkerns, fokussiert, nicht zuletzt durch die Erfahrung meiner Tätigkeit für die Senatsverwaltung.

Zerstörte Stadt

Die zerstörte Stadt als unser Potenzial, etwas Neues zu schaffen, aber zugleich auch durchscheinen zu lassen, dass das, was mal war, auch seine Berechtigung hat, architektonisch erwähnt zu werden, nicht nur in Archiven. Jede Stadt, gerade auch die europäische, ähnelt einer Zwiebel mit einem Kern, der sich nach außen hin erweitert. Im Kern von Berlin war fast nichts mehr vorhanden, der war hohl. Gerade dort haben wir die für uns städtebau-typologisch wichtigen Dinge erfahren; zum Beispiel, was ist ein Stadtkern? Was sind gekrümmte Straßen, mittelalterliche Straßen? Was sind kleine Plätze, die es so weder im Barock noch in der Gründerzeit gab? Was ist das Malerische des mittelalterlichen Städtebaus? Themen, die verschwunden waren in Berlin, und ich fand das sehr wichtig, dieses Vokabular wieder zu vervollständigen. Ich schließe die historischen Mittel nicht aus, weil sie oft die einzige Möglichkeit sind, tatsächlich diese Gefühle und diese Themen zu transportieren.

Nachdem ich in Berlin angekommen war, habe ich noch mehrere Ausstellungen als freier Künstler mitgemacht und weiterhin an Kohlezeichnungen gearbeitet. Künstlerische Prozesse haben mich davor geschützt, architektonisch-ideologisch mit Themen umzugehen, wie ich das gespürt habe bei meinen Kolleginnen und Kollegen. Es hat mich zwar interessiert, was sie erzählten, aber ich musste mich nicht anpassen, ich war frei in alle Richtungen zu denken. Ich konnte und kann Ebenen, die gefühlt scheinbar nicht zusammengehen, gestalterisch, architektonisch, auch mit den Mitteln der Kunst zu einem Ganzen zusammenfügen. Geschichte und Zerstörung als Materialien einer Collage.

Im Gegensatz zur Architektur eines Einzelgebäudes muss man sich im Städtebau über Generationen hinweg einigen, um auch ein tolles baukünstlerisches Ergebnis zu erreichen. Das sind sehr komplexe Vorgänge und betreffen die Stadttechnik, die Verkehrstechnik, Architektur und Gestaltung an sich, politische Strömungen, die dann auch die Gestalt mitbestimmen. Es ist nicht von ungefähr, dass wir am DomRömer gebaut haben, weil es gerade dort darum geht, eine Kontinuität im Städtebau anzustreben, ihr nachzugehen.

Nach etwa 20 Jahren Beschäftigung mit denselben Themen befassen wir uns mittlerweile auch mit sakralen Bauaufgaben und damit der Aufgabe, aus einer Tradition heraus in die Gegenwart, in die Zukunft zu führen. Uns zieht es zu den Themen Archäologie, Denkmalpflege, Umgang mit Geschichte, Umgang mit zerstörtem Kulturgut. Auch deshalb war ich besonders froh, zumal als Künstler und Bildhauer, dass wir es für das Dom-Römer-Projekt wieder mit Spolien zu tun hatten und aus dem Themenmaterial geschichtlicher Fragmente schöpfen konnten.

Spiritualität und Individuum

Der Sakralbau gilt als Königsdisziplin, geprägt durch die Einraumidee. Es gibt den Innenraum, der das Gefühl der Spiritualität erfüllen soll, aber eingepackt ist in eine Hülle, die im Stadtraum, im Landschaftsraum, sichtbar macht, dass hier etwas Besonderes ist. Dieser Sonderbau, wie er auch fachlich genannt wird, unter anderem Kirchen, sollten eine besondere Stellung bekommen im Stadtraum und am Ort, wo dieses Gebäude zu stehen kommt. Im Unterschied dazu das Dom-Römer-Projekt, wo es primär um die öffentlichen Räume geht. Beispiel Hühnermarkt, als öffentlicher Raum vergleichbar mit dem Innenraum eines sakralen Gebäudes, auch wenn es nicht um Sakralität geht, aber um die Zusammenkunft von Personen im gemeinsamen Erleben. Das sehe ich als die wichtigste Aufgabe an im Städtebau. Die einzelnen Häuser säumen diesen Stadtraum möglichst so, dass sie ihn stärken und ihm seine Aufgabe geben. Das heißt das Erdgeschoss muss dann auch entsprechend halböffentlich sein, einladend, dass Menschen dort auch hingehen. Sie werden eingeladen, dort etwas zu kaufen oder auch nur zu verweilen oder etwas zu konsumieren.

Ich glaube, dass das nur Häuser machen können, die eine starke architektonische Sprache haben, aber zugleich mit allen anderen Häusern zusammen etwas sein wollen, eine Platz-säumende Front. Das ist nicht so einfach, braucht Fingerspitzengefühl, braucht auch die Vernunft, zu schauen, wie es die Architekten früher gemacht haben. Ohne diesen Blick haben viele moderne Architekten nur ans Objekthafte gedacht, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach dem, was gemeinsam zu erreichen wäre. Dieses Wir steht im Stadtraum aber ganz oben. Wir wollen gemeinsam etwas erreichen.

Mit der modernen Entwicklung geht bislang meistens die Vorstellung einer sehr starken Autorität einher, wie es sich zum Teil in China darstellt mit Hochhaus-Clustern und riesigen Plätzen, wo man die Stadtgesellschaft nicht mehr erkennen kann, sondern nur noch große Institutionen, die sich anonym dort manifestieren.

Aber das, finde ich, ist eben das Schöne an der europäischen Stadt, das fast mit jedem Haus und mit jedem öffentlichen Raum eine ganz eigene Prägung entstanden ist, die auch für eine bestimmte Epoche spricht und auch gepflegt werden will, und an denen man auch weiterarbeiten will. Das sieht man zum Beispiel an den Hansestädten mit den prächtigen Giebelhäusern der Kaufleute, die sich repräsentiert haben im Stadtraum und dies eigentlich sehr gut. Das macht diese schönen Städte auch aus, eine individuelle Gesellschaftsordnung an den Häusern abzuleiten, entnehmen zu können.

Meine Meinung zur neuen Frankfurter Altstadt ist, dass sie schon dadurch, dass sie überhaupt realisiert worden ist, geglückt ist. In einzelnen Punkten kann man sich streiten, und das ist auch der Sinn der Sache, dass man nicht alles, was da ist, gleichermaßen gelungen finden muss.

Aber das Vokabular ist wieder da, um zu beschreiben, was ist der Krönungsweg, was der Hühnermarkt. Es geht um das Verständnis, wie sind diese Stadträume entstanden und von Wo nach Wo haben sie geführt, wenn es um eine Straße geht, und welche Plätze waren dazwischen; das kann man jetzt viel besser verstehen als vorher.

Die unsichtbare Stadt

Frage: Steht dein plastisches, bildhauerisches Arbeiten in Beziehung mit eurer Architektur?

Marc Jordi: Es ist eine gegenseitige Inspiration. Tatsächlich denke ich, dass wir ohne die skulpturale Auseinandersetzung bestimmte Widersprüchlichkeiten in der Architektur nicht zusammenbringen könnten. Dort wird üblicherweise in Stilen gearbeitet, aber nicht in kunstvollen Verbindungen; genau dieses aber finden wir interessant.

Eigentlich hat eine architektonische Form an sich schon etwas von akademischem Eklektizismus, denn die Stadt ist mittlerweile überfordert und voller Brüche, die man eigentlich nur gezielt zusammenfügen muss. Um die aber die Möglichkeiten zu erkennen und das zu verbinden, was eigentlich strenggenommen nicht verbunden werden kann, bedarf es dann einer Kunstform, durch die man nicht in einzelnen Stilen denkt, sondern in Hinblick auf das Ergebnis des Zusammenfügens.

Frage: Mit deinen Plastiken aus weichen Materialien begreifst du also auch die Stadt, im wortwörtlichen Sinne?

Marc Jordi: Man spricht sowieso schon viel vom „Stadtkörper“ und einzelnen „Stadtbausteinen“, die meistens öffentliche Gebäude sind, die dann aus dem Stadtkörper herausstechen und eine Sonderstellung einnehmen. Mir wird durch meine bildhauerische Arbeit eine solche Stadtplastik einfach aber nochmal unmittelbarer, gegenwärtiger, gewissermaßen als ein „Fleisch der Stadt“. Ich kann es dadurch auf der materiell-plastischen Ebene buchstäblich berühren und so auch über die rein strukturelle Betrachtung hinaus verstehen. Oder zumindest sensibilisiert es mich zusätzlich.

Frage: Wie bist du darauf gekommen, die Stadt als eklektisches Gefüge mit den Möglichkeiten der künstlerischen Auseinandersetzung zu fassen?

Marc Jordi: In der Schweiz hätte ich wohl etwas anders gearbeitet; denn dort wie andernorts sind physische Zeitschichten zwar im Stadtbild erhalten geblieben, aber werden kaum bemerkt.

Dagegen hat gerade die deutsche Stadt ein einzigartiges Ausmaß an Zerstörung hinter sich, weil sie einerseits umfassend physisch vernichtet wurde, aber zugleich als geschichtliche Erinnerung weiterhin präsent ist. Die Archive sind zudem voll von Artefakten, was uns dann dazu geführt hat darüber nachzudenken, ob wir uns nicht mit jener gleichsam unsichtbaren Stadt auseinandersetzen sollten, statt uns auf das sichtbare Vorhandene zu beschränken.

Frage: Kennst du andere Architekten, die so in ähnlicher, unmittelbarer Weise vorgehen?

Marc Jordi: Nein. Leider nicht

Marc Jordi, Schweizer Architekt, Zeichner und Bildhauer. Zusammen mit Susanne Keller als „Jordi & Keller Architekten“ verantwortlich für die Häuser Markt 8 „Großer Rebstock“ und Markt 40 „Zu den drei Römern“.

Gesamtes Gespräch im April 2021 - Zusammenschnitt

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

Pfeil_links_FM
Back to top Arrow