Der menschliche Maßstab

Susanne Keller, Architektin

Spieli

Mein Name ist Susanne Keller, ich wurde 1963 im Dezember in Essen geboren, ein Kind des Ruhrgebietes, meine Eltern stammten nicht von dort. Wir wohnten die ersten fünf Jahre meines Lebens in der 60er Jahre-Wohnung eines Architekten im Essener Norden mit Garten und kleinem Swimmingpool. Das war im industriellen Teil des Ruhrgebiets; auch wenn das Grundstück selbst eine kleine Oase war, musste meine reinliche Mutter jeden Tag den Balkon putzen, weil die gegenüberliegende Zeche dafür sorgte, dass immer wieder Schmutz vorzufinden war. Daran kann ich mich gut erinnern, als Kind war ich schon auch sehr beeindruckt von diesen Schloten und von dem, was da jeden Tag in den Himmel gestoßen wurde.

Wir sind weitergezogen ins innerstädtische Essener Gebiet, haben wieder in einem Neubau gelebt, mit Doppelfenster zur vierspurigen Straße und Blick auf ein Hotel, das einen Dachgarten hatte, der mich arg beschäftigte, weil das so eine Oase mitten in der Stadt schien.

Ein schöner Ausgleich zu der lauten, straßenseitigen Umgebung war nach hinten der ganz ruhige, große Hof mit Bäumen, wo wir nachmittags Verstecken und Fangen gespielt haben, den nannten wir „Spieli“. Es hat mich als Kind sehr fasziniert, einfach in dessen Grün zu schauen, durchzogen von kleinen Abmauerungen; es war ein umgewidmeter Friedhof. Mauern waren schon ein sehr frühes, kindliches Thema bei mir; mich hat fasziniert, gegen Mauern zu schauen, die was verborgen haben, und ich mir dabei ausmalte, was dahinter eigentlich genau stattfinden mag.

Aus der Begeisterung für Mauern wurde ein Interesse an Wänden und städtischen Häusern, auch Einfamilienhäuser, mir vorzustellen, was hinter diesen Wänden für einen Leben stattfinden mag, wie die Leute da wohl leben würden. Dieser Austausch mit Häusern durch Fantasie hat meine Aufmerksamkeit schon sehr früh gebannt, ohne irgendeine architektonische Bewertung natürlich. Dazu war ich noch viel zu klein. Alles, was meine Umgebung geprägt hat, war erst mal schön.

Vater

Mein Vater ist so richtig im gründerzeitlichen Köln großgeworden. Er hat da eigentlich sein Leben lang gelebt, bis er aus beruflichen Gründen ins Ruhrgebiet musste. Er war Polsterer und Dekorateur; schon sein Vater hatte einen solchen Betrieb, und die Söhne sind alle in diesem Bereich von Innenarchitektur, Möbel, Handwerk und Dekorationsgestaltung angekommen. Insofern gibt es eine leichte Vorprägung, die aber eher aus dem Innenraumbereich kommt, aber mein Vater hätte auch gerne Architektur studiert. Kriegsbedingt, aber auch durch den väterlichen Betrieb, ist es für ihn etwas anders gelaufen. Das hat er jedenfalls immer gesagt und sich später gefreut, dass ich das machen konnte. Ihn hat mein Studium interessiert und es immer sehr wohlwollend begleitet.

Als Jahrgang 1930 hat er den Krieg als Jugendlicher erlebt mit Kinderlandverschickung und allem, was dazugehört; auch sehr viel Aufräumarbeiten im zerstörten Köln. Meine väterliche Familie hatte das Glück, zu den wenigen zu gehörten, deren Haus nicht zerstört worden war. Wie so ein übriggebliebener Zahn stand es in dieser gründerzeitlichen Kölner Straße und konnte weiterhin notdürftig bewohnt werden.

Aufgewachsen in diesem Gründerzeit-Altbau, hat mein Vater von Neubauten geträumt, auch weil er als Kind verängstigt war durch die hohen Höhen der Flure und Räume, ausgestattet mit eher schweren Stoffen und dunklen Möbeln, die aus der kindlichen Perspektive etwas Bedrohliches und Beängstigendes hatten.

Das hat sich bei ihm erst geändert, nachdem er mich in Berlin in meiner Gründerzeitwohnung besucht und dort erlebt hat, wie toll eigentlich die Raumqualitäten solcher Wohnungen sind, dass die doch auch lichtdurchflutet sein können, hell gestrichen und einfach anders möbliert.

Mein Vater war schon sehr begeisterungsfähig für jede Form von Neubau, hat aber doch auch verstanden, wie ich Dinge dann später anders aufgefasst habe, als er das wahrgenommen hat in seiner Jugend und auch später lange Zeit.

Er ist schon sehr vom Wiederaufbau und auch von diesem Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit geprägt, der Begeisterung für das Neue und technisch Mögliche. Das hat sich auch gezeigt, als wir in Essen ein drittes Mal umgezogen sind; ich war 14, kurz vor der Pubertät. Meine Eltern haben gebaut, kein Einfamilienhaus, sondern in einer Eigentumsanlage eines Bauträgers. Das war für mich prägend. Wir haben uns dann das Grundstück erst angeschaut, und die Vorstellung, dass wo erst nichts und ein Haus stehen wird mit Wohnungen, mein neues Zimmer ein Teil dessen, das hat mich sehr beschäftigt.

Über den Grundriss wurde auch innerhalb der Familie diskutiert, man hat im Geiste mitentworfen. Als dann die Bauerei losging, zeigte sich sehr schnell, dass alles schieflief, was nur schieflaufen konnte. Mein Vater hat mich gerne mitgenommen zur Baustelle, ich habe mir das interessiert angeguckt und bin dann irgendwann mit dem Gefühl rausgegangen, das besser machen zu können.

Der Gedanke hat mich so beflügelt und mich den Beruf des Architekten zum ersten Mal in meinem Leben im Kopf auch durchspielen lassen. Das hat mich von da an beschäftigt, hat aber noch nicht direkt dazu geführt, dass das ich mich als Architektin erkannt habe.

Mutter

Meine Mutter ist in Halberstadt großgeworden, bei Magdeburg, aufgewachsen zunächst eben in der Nachkriegs-DDR-Zeit. Eine Familie, die eigentlich aus begüterten Verhältnissen kam, die aber enteignet worden ist, schon unter den Russen, auch getriezt wurden, weil es NSDAP-Verbindungen gab in der entfernteren Verwandtschaft und deshalb keinen Fuß mehr fassen konnte in ihrer alten Heimat. Meine Mutter musste ohne Vorankündigung von heute auf morgen alles verlassen, ein Jahr vor dem Abitur, und sie war eine hervorragende Schülerin. Meine Oma ist mit beiden Töchtern nach Köln geflüchtet, weil es da Verwandtschaft gab, und sie haben unter den sehr harten Ostflüchtlings-Bedingungen eine Art Neustart beginnen müssen.

Meine Mutter konnte ihr Abitur nicht beenden, war sehr, sehr gut in Russisch, was im Westen aber keinen interessierte. Stattdessen musste sie gleich in den Beruf, ohne eine Lehre als eine Art „Anlernling“, aber einem väterlichen Chef in einem Autohaus, dessen rechte Hand sie wurde; meine Oma musste Staubsauger verkaufen.

In Köln haben sich meine Eltern kennengelernt und sind dann aus beruflichen Gründen meines Vaters ins Ruhrgebiet geraten, wo meine Schwester und ich geboren wurden und aufgewachsen sind.

Vertreibung aus dem Paradies

Als Kind und noch als Jugendliche mochte ich das Ruhrgebiet erst mal, so wie jedes Kind seine Umgebung nicht besonders kritisch reflektiert. Alles, was mich umgab, war Heimat und war damit irgendwie schön, selbst die laute Schnellstraße. Als mein Cousin aus dem idyllischen Bad Honnef zu Besuch kam und wir ihm die Vorzüge der Stadt Essen präsentieren wollten, vor allem der Essener Innenstadt, meinte er zu meinem Entsetzen, das wäre doch alles ganz hässlich in Essen.

Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich dadurch einen Bruch mit meiner Umgebung erlebt und fand das zunächst sehr unhöflich. Aber seine Ansage habe ich nicht vergessen können, was dann dazu geführt hat, dass ich meine Umgebung, die Stadt Essen, meine Heimat, allmählich mit anderen Augen wahrgenommen habe.

Das hat mich immer wieder verfolgt, und ich habe angefangen, eine Ahnung davon zu bekommen, was der Cousin vielleicht gemeint haben könnte, und habe auf diese Art und Weise begonnen, die mich umgebende Stadt anders, kritischer zu begreifen und auch eine Distanz aufzubauen. Das ist eine lange Zeit so geblieben und verstärkt worden durch Urlaube in Italien und anderem Ausland, wo ich mich denn dabei ertappt habe, wie ich meine Heimat mit anderen Städten angefangen habe zu vergleichen, um zunehmend festzustellen, dass ich das doch teile, was der Cousin gesagt hatte.

Mein persönliches Interesse entwickelte sich dann in die Richtung, dass ich dachte, was wäre das doch eigentlich für eine tolle Aufgabe, wenn man seine direkte Umgebung mitverschönern kann. Das hat dann in die Richtung geführt, für die ich mich später entschieden habe; den Beruf des Architekten, das Architekturstudium zu beginnen, weil mich einfach das Thema „gebaute Umgebung“ nicht mehr so richtig verlassen und es mich gereizt hat, einen Beitrag mitleisten zu dürfen, der im Westen zur Verschönerung der Umgebung beiträgt.

Jeder, der das Ruhrgebiet kennt, weiß, was ich damit meine; es ist sehr stark nachkriegsgeprägt von Abrissen, von funktionalisierten Stadtteilen.

Die Essener Innenstadt wurde abends nach Geschäftsschluss unheimlich, weil sie ausgestorben war. Die urbane Mischung ist nicht mehr vorhanden gewesen; stattdessen gab es sehr viele Nachkriegsgebäude, die waren kurzlebig konzipiert, das habe ich auch schon als Jugendliche gespürt, und folgten den neuesten Moden. Was mich denn auch ganz besonders gestört hat, war, dass man gespürt hat, das auch lange Zeit die Mentalität im Ruhrgebiet in Bezug auf die eigene Umgebung, die gebaute Umgebung, sehr negativ war. Das kollektiv schlechte Selbstwertgefühl habe ich früh wahrgenommen und mich bereits dahingehend geprägt, mir früh Gedanken darüber zu machen, was eigentlich typisch ist für das Ruhrgebiet, was eigentlich die schönen Seiten sind. Lange bevor die sogenannte IBA Emscher-Zeit und die Entdeckung der Industriekultur im Ruhrgebiet eine größere Dimension annahmen, hatte ich schon als junger Mensch das Gefühl, dass es etwas Eigenes gibt, Bereiche, die einen ganz besonderen eigenen Reiz haben und eine Art Tradition, an die angeknüpft werden könnte. Das waren die Themen, die ich spannend fand und die ich auch ins Architekturstudium fortgetragen habe.

Erst im Studium konnte ich mich mit anderen darüber austauschen. Vorher auch mit den Eltern, aber die haben das dann schon nicht so teilen können, die haben auch jeden schrecklichen Neubau gefeiert und konnten mit der einen oder anderen stillgelegten Industriebrache nicht so viel anfangen. Das war noch eine andere Sozialisation; diese Wiederaufbaugeneration hatte das Thema Zerstörung zur Genüge erlebt und strebte in eine saubere, fortschrittliche Zukunft. Das ist auch verständlich.

Wir sind schon in diesen sauberen Nachkriegshüllen groß geworden, die technisch für die damalige Zeit perfekt waren, und haben gespürt, dass es, angefangen von den Materialien bis hin zum Städtebau, überall ästhetische Defizite gab. Zumal im Vergleich mit älteren Städten war zu spüren, dass es hierzulande eine Schieflage gab und man sich sehr viel Mühe geben musste, die Reize der eigenen Region, die es auf jeden Fall schon auch gab und gibt, zumindest an bestimmten Orten wieder zu suchen; aber nicht im großen Maßstab.

Das Bild der Architektin

Ich habe in Dortmund studiert, und wir mussten kein Baupraktikum vorher machen, oder Büropraktikum, und ich bin sehr naiv, sehr blauäugig in dieses Studium gegangen, vielleicht noch am ehesten geprägt durch das elterliche Bauvorhaben. Dort hatte ich zwar ein wenig mitbekommen, dass die Aufgabe des Architekten darin besteht, sehr viele Leute zusammenzuführen, dass das Gestalterische ein wichtiger Bestandteil des Architektenberufs sei; es hat mich im Studium dann ziemlich gepackt, weil ich erkannt habe, wie breit gefächert der Beruf des Architekten sein kann.

Das hat mich begeistert, ohne zunächst ganz genau zu wissen, wohin mich die Reise führen würde. Eine Ahnung, später ein eigenes Büro zu haben, um alles, was damals meine Vorstellung war, umsetzen zu können, hat relativ früh eine wichtige Rolle gespielt. Was vielleicht auch daher kommt, dass auch mein Vater selbständig war, quasi eine Art Ein-Personen-Firma, und der Gedanke, mein eigener Chef zu sein oder einen eigenen Betrieb oder eigenes Büro zu haben, ist schon unbewusst dagewesen bei mir.

Schlüsselerlebnisse

Ich habe relativ lange studiert, was auch an der Ausbildung in Dortmund lag, die versucht hat, praxisbezogen uns sehr stark in ganz konkrete Architekten-Entwurfs- und Detailplanungen hineinzukatapultieren. Wir haben weniger schnelle Entwürfe gemacht, sondern mussten Gebäude entwickeln und konkret durcharbeiten, was sehr arbeitsaufwendig war. Aber dadurch hat das Studium einen guten Überblick vermittelt, was eigentlich alles dazugehört. Die Ingenieursstudenten wurden denn auch schon gleich mit einbezogen in die konkreten Projekte.

Parallel dazu haben wir bei unseren Professoren in deren Büros gearbeitet, sodass man die fehlende Praxis auch eines Architekturbüros etwas nachholen konnte mit dieser Erfahrung schon während des Studiums. Was für mich allerdings besonders prägend wurde, war der Austausch unserer Universität mit dem Politecnico di Milano in Mailand. Das fing damit an, dass Architekturstudenten aus Mailand im Austausch zu uns nach Dortmund kamen und ich mich im Rahmen einer Lehrstuhltätigkeit um die italienischen Gaststudenten kümmern sollte.

Das waren interessante, prägende Begegnungen, angefangen bei den Nachfragen der italienischen Architekturstudenten, wo denn eigentlich das historische Zentrum Dortmunds und die mittelalterliche Altstadt wären. Über diesen unterschiedlichen kulturellen Austausch wurde mir zum ersten Mal deutlich, dass den Ruhrgebietsstädten doch wirklich etwas fehlt, was gewachsene Städte selbstverständlich haben, die eben nicht diese starken Kriegszerstörungen mitgemacht hatten. Das hat letztendlich auch dazu geführt, dass ich mich dann selbst für einen eigenen Austausch gemeldet habe und die Möglichkeit bekam, über ein Stipendium in Mailand zu studieren.

Ich blieb ein dreiviertel Jahr in Italien. Mailand wurden für mich eine ganz besondere Erfahrung, was weniger an der Universität dort lag, denn an Italien selbst. Ich habe den Aufenthalt mit der klassischen Reisetätigkeit verbunden und viele Städte besichtigt, fasziniert vom Stellenwert, den das Historische in Italien hat. Die Auseinandersetzung mit dem Alten, auch mit der gewachsenen Stadt und wie ihre Geschichte an den italienischen Universitäten betrieben wurde, das war etwas, was ich vom Studium in Dortmund oder aus Deutschland gar nicht kannte und was wiederum mein Sensorium ganz stark geschult hat.

Sich erst mal mit der Geschichte eines Ortes zu befassen, sich anzuschauen, was einen Ort auch typologisch umgibt, sich damit auseinanderzusetzen, was sich bewährt hat in der Nähe des Ortes und das auch als Beispiele heranziehen zu dürfen, zu können für einen neuen Entwurf. Das war eine gänzlich neue Herangehensweise, die ich so nicht kannte aus Deutschland, wo wir zwar auch kleine Analysen gemacht haben, um eine Bauaufgabe im Studium zu bewältigen, die aber doch ohne Konsequenzen für den Entwurf blieb, stattdessen eher wie eine unabhängige Vorstudie begriffen wurde.

Diese Vorstudien mit dem, was dann tatsächlich als Neuentwurf, als Neuschöpfung entstand, dies miteinander zu verbinden und eine Brücke zu schlagen, um die Analyse in den Entwurf einzufügen, das fand ich spannend, das hat mich sehr geprägt, hat mich und meine spätere Architektentätigkeit, auch mit meinem Mann Marc zusammen, stark geprägt; den Ort genau zu untersuchen und aus der Geschichte des Ortes Themen und Motive zu schöpfen, die in einen neuen Entwurf einfließen, um ihn auf diese Art und Weise zu verorten. Das ist mir in Italien auf eindringlichste Weise ans Gemüt gegangen.

Jordi & Keller Architekten

Mit dem Ruhrgebiet stand ich nun auf Kriegsfuß und hätte es eigentlich schon nach dem Abitur für ein Studium in Berlin verlassen wollen. Aber über die Richtlinien der Studienvergabe blieb ich in Dortmund, und die Ausbildung dort war eigentlich sehr gut, weshalb auch immer mehr Berliner Professoren zu uns nach Dortmund kamen, um zu unterrichteten, sodass Berlin dann letztendlich erst einmal zu mir gekommen ist.

Als ich mein Studium beendet habe, war die Wiedervereinigung vollzogen, und diese vielen Professoren gründeten wiederum explodierende Büros in Berlin, und die Absolventen in Dortmund, die bei ihnen einen guten Ruf genossen, weil sie eben sehr gründlich ausgebildet waren, sind denn reihenweise nach dem Studium nach Berlin gegangen.

Ich war eine davon und habe in Berlin zunächst sechs Jahre lang in einem kleineren Architekturbüro gearbeitet. Eine bewusste Entscheidung, weil ich über Freunde mitbekommen hatte damals, dass es zwar sehr renommierte, sehr große Büros gibt, die auch riesige Projekte in Berlin realisierten, man dort aber als junge Absolventin oder Absolvent Gefahr lief, da hochspezialisiert, sehr schnell für bestimmte Bereiche zuständig sein zu müssen. Für das aber, was das klassische Berufsbild eines Architekten auch in unterschiedlichen Leistungsphasen ausmacht, vom Vorentwurf über Entwurf, über Genehmigungsplanung, Ausführungs- und Detailplanung und dann die ganze Vergabe und Bauleitung, um also diese ganze Palette einmal auch gemacht zu haben, sah ich mich in einem kleineren Büro besser aufgehoben. Auch vor dem Hintergrund, der zu der Zeit allerdings noch diffus angestrebten Selbständigkeit. So habe ich zwar sechs Jahre in einem kleineren Büro gearbeitet, aber parallel angefangen, mich selbständig zu machen mit meinem Freund und späteren Ehemann Marc Jordi und einem Mitbewohner, einem früheren Kommilitonen, mit dem ich zusammen nach Berlin gegangen war. In einer anfänglichen Dreierkonstellationen, die sich „Keller Günther Jordi“ nannte. Ich war angestellt, die beiden anderen waren freie Mitarbeiter oder bei der Senatsverwaltung tätig.

Mark hatte ich gewissermaßen auch durch die Architektur kennengelernt. Zu dieser Zeit, im Berlin nach der Wiedervereinigung, gab es ein so starkes Baugeschehen und so große Büros, dass die ihren Mitarbeitern gegenüber auch ein wenig Freizeitausgleich bieten wollten. Dazu gab es sogenannte „Architektenturniere“, Fußballturniere, wo die Mitarbeiter aus bestimmten größeren Büros gegeneinander Fußball spielten. Ich war denn über Freunde eingeladen, als Zaungast dabei zu sein; dort hat Mark in einer dieser Mannschaften mitgespielt. Wir haben uns also beim Architekten-Fußball kennengelernt.

Es gab einen fließenden Übergang von der Angestelltentätigkeit hin zu den ersten eigenen Projekten, beginnend mit der Idee, wenn man jetzt schon mit einem Architekten zusammenwohnt und noch einen Architekten als Freund hat, dann könnte man doch mal in dieser Dreierkonstellation schauen, ob man mal an einem Wettbewerb teilnimmt. Das haben wir denn damals gemacht. Diese ersten Wettbewerbe waren sogar ganz erfolgreich, mit Ankauf und vierten Preisen, sodass wir schon dachten, dass ein Potenzial auch für uns vorhanden sei.

Das haben wir weiterverfolgt, das wiederum hat sich denn auch bis zu einer Kollegin von mir in diesem kleinen Büro rumgesprochen, die uns ein erstes kleines Bauvorhaben vermittelte. Dieser Anbau an einem Einfamilienhaus in Berlin-Zehlendorf wurde Ende der 90er Jahre zum aufregenden Sprung in die erste gemeinsame Realisierung, aber weiterhin noch parallel zu anderen Bürotätigkeiten.

Wir haben zusammen dieses erste Bauvorhaben verwirklichen können, weitere Wettbewerbe gemacht und noch einen größeren Wettbewerbserfolg mit einem zweiten Preis für ein Krankenhausprojekt in Bozen, etwas, wo es normalerweise ganz schwierig ist, als Architekturbüro überhaupt teilnehmen zu können, denn solchen Krankenhaus-Wettbewerbe sind in Deutschland hochspezialisiert. Da es Bozen war, verlief es etwas anders. Der Wettbewerb bestand aus zwei Phasen; das eine war erst einmal eine städtebauliche Herangehensweise, die zweite Phase wurde ziemlich konkret, da ging es darum, dass ein bestehendes Krankenhaus um 60 Prozent vergrößert werden sollte, bei laufendem Betrieb. Also ein Wettbewerb, der auch logistisch extrem aufwendig war. Da konnten wir uns – wider Erwarten – tatsächlich in beiden Phasen so gut behaupten, dass wir den zweiten Preis gemacht haben und zunächst große Hoffnung hatten, dass wir vielleicht doch beteiligt würden an der Realisierung.

Wir sind auch selbst zu dritt in Bozen gewesen, ich war damals schon hochschwanger. Bei den Italienern in Südtirol hatte sich aber mittlerweile viel Unmut über die hohe Zahl deutscher Wettbewerbsteilnehmer, speziell sogar Berliner Büros, breit gemacht, auch bei diesem Wettbewerb ging der erste Preis an ein deutsches Büro, und es wurden Forderungen laut, die einheimische Architektenschaft stärker zu beteiligen. Wir hatten schließlich den Eindruck, dass es für uns schwer werden könnte. Aber unser Freund Hans Günther wollte die Hoffnung nicht aufgeben und hat sich entschieden, in Bozen zu bleiben, um zu schauen, ob er von dort aus, vor Ort, noch was erreichen könnte für uns. So haben wir uns dort eigentlich begonnen zu trennen. Er ist in Bozen geblieben, und wir haben uns auch als Bürogemeinschaft aufgelöst, zumal Marc und ich uns auch als junge Familie in zunehmend schwierigen Zeiten in Berlin wiederfanden; ab dem Jahr 2000 gab es auch in Berlin große wirtschaftliche Probleme, nicht zuletzt, weil zu viel gebaut worden war.

Wir sind dann in existenziell schwierige Situationen geraten, wollten aber unsere Selbstständigkeit nicht wieder aufgeben, sondern zu zweit erst richtig begründen. Das waren schwere Geburtswehen am Anfang, im doppelten Wortsinn. Wir haben dann gemeinsam für die Senatsverwaltung gutachterliche Aufträge bearbeiten dürfen, die mit dem Berliner Zentrumsgedanken, dem historischen Zentrum zu tun hatten. Aber auch da wurde es zunehmend schwierig, weil die öffentliche Hand Anweisungen bekam, keine Wettbewerbe mehr zu veranstalten und auch keine externen Gutachten mehr an freie Büros zu vergeben, selbst wenn sie sehr zufrieden mit der Qualität der Gutachten waren. Da begann dann eine wirklich schwierige Zeit für uns. Wir haben uns auf ein Minimum an Räumen zurückgezogen und bewusst auf repräsentative Büroräume verzichtet.

Im Kontext

Es war mein starker Wunsch, auch gerade als Familie mit kleinem Kind Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu haben mit der Idee, dass der Architektenberuf schon an sich familienkompatibel ist, wenn man nicht gerade auf einer Baustelle unterwegs sein muss, weil die planerischen Dinge gut von zu Hause aus erledigt werden können. Das war eigentlich ganz schön. Wir hatten sehr optimierte enge, aber trotzdem großzügige Räumlichkeiten, wieder eine gründerzeitliche Altbauwohnung, deren Räume doch vieles zugelassen haben. Alles war ganz dicht, ganz eng, ganz nah beieinander und dadurch auch sehr intensiv, aber eben auch hochgradig schwierig zu der Zeit. Das muss man sagen.

Wenn zwei Architekten ein Paar sind und dann auch noch zusammenarbeiten, muss man erst einmal schauen, ob das passt. Wir hatten schon in der Dreierkonstellation, aber nun noch stärker in der Zweierkonstellation bemerkt, dass wir doch in den wesentlichen Dingen immer sehr einer Meinung waren und auch eine gemeinsame Zielvorstellung hatten, was wir architektonisch und städtebaulich erreichen wollen. Das hatte sich von Anfang an sehr gut entwickelt, sonst hätten wir es wohl auch beendet. Aber wir haben so gut ergänzt, dass wir auch diese schwierige Phase in Kauf genommen und daran gearbeitet haben, wie wir damit weiterkommen.

Es entstand eine Intensität, jeder unserer wenigen Räume bekam eine Doppelfunktion, die auch in die Arbeit einging. Mein Mann hat sich als ein starkes Energiezentrum gefühlt, und wir haben, auch wenn wir gar nicht so viele Aufträge hatten zu der Zeit, viel über Architektur gesprochen. Das war sehr präsent und hat uns dann auch theoretisch weitergebracht. Die gegenseitige Auseinandersetzung ist eigentlich durchgehend ganz, ganz stark gewesen und konnte bauliche Früchte eigentlich erst in den späteren Jahren tragen, als sich dann die Auftragslage auch wieder entspannt hat. So gesehen, haben wir vielleicht aus der Not eine Tugend machen können.

Wir haben nicht Däumchen gedreht, sondern es sind viele, viele Gedanken entstanden in der Zeit, die sich mit Architektur beschäftigen oder zum Thema Architektur, was wir wollen und was uns wichtig ist.

Wir waren uns von Anfang an einig, trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten nicht jeden Auftrag anzunehmen, der Geld verspricht, sondern wir uns lieber bescheiden, räumlich und finanziell, aber dafür Aufträge oder Themen bearbeiten, die mit unseren Vorstellungen gut einhergehen, die uns wirklich interessieren und die auch einen baukulturellen Gehalt haben. Wir haben uns deshalb sehr früh entschieden, uns nicht unbedingt auf Investoren einzulassen, die jetzt das schnelle große, repetitive, Gebäude suchen, sondern uns eher auf unsere Kernkompetenzen zu berufen und die auch zu verfolgen, wohl wissend, dass diese Projekte rar gesät sind.

Das waren Aufgaben, wozu auch gutachterliche Themen gehörten, im Zusammenspiel von Historie, Stadtstrukturen, historischem Stadtkern, den unterschiedlichen Schichten gerecht zu werden. Wir haben uns dadurch mit der Zeit auf diese Themenbereiche spezialisiert, auch wohl wissend, dass die zwar nicht gerade dem Mainstream entsprechen, aber dass da doch eine Nachfrage besteht, zumal es eben auch gerade in dem Bereich Defizite gibt. Das ist zunächst sehr stark vom Mark ausgegangen, aber wir waren uns darüber sehr einig.

In dieser Reihenfolge hat sich das alles entwickelt und mittlerweile langfristig auch eingelöst und ausgezahlt. Wir sind immer weiter in Bereiche gekommen, die mit Archäologie, mit Denkmalpflege zu tun haben, wo das Thema der unterschiedlichen historischen Schichten unter Berücksichtigung von Kontext, von Umgebung, von Stadtreparatur eine große Rolle spielt bis hin zu Neubauten, zu denen letztendlich jetzt auch unsere beiden Häuser, Markt 8 und Markt 40, in der Neuen Frankfurter Altstadt gehören.

Dom-Römer-Projekt

Für die Mitarbeit am Dom-Römer-Projekt haben wir uns dem Bewerbungsverfahren unterzogen mit dem Stadthaus als Referenz, das wir in Berlin am Friedrichswerder gebaut hatten. Es gab dann einen Wettbewerb, und jedes Büro, das teilnehmen durfte, hat fünf Parzellen zur Bearbeitung im Wettbewerb bekommen. Was uns gefreut hat, ist, dass wir mit zwei Parzellen jeweils einen Preis gemacht und dadurch den Zuschlag bekommen haben.

Das erste war Markt 8, für das wir den Zuschlag bekommen hatten. Dann gab es Diskussionen innerhalb der Jury um Markt 40, und dafür sind noch einmal, zwei oder drei Büros angesprochen worden; wir waren eines davon.

Bei dem Dom-Römer-Projekt lief alles ziemlich spezialisiert ab; wir haben im Grunde genommen die Leistungsphasen 1 bis 5 gemacht, also alles bis zur Genehmigungs- und Ausführungsplanung, und das Büro Schneider + Schumacher, das war das ausführende Büro, hat ausgeschrieben und die Bauleitung übernommen. Wir waren die „Objektarchitekten“, also die Entwurfsarchitekten, die jeweils ein Haus realisieren durften. Wir hatten die künstlerische Oberbauleitung, haben die Ausschreibungen gegengelesen, haben noch einmal genau geschaut, dass die Qualität auch gehalten und der Entwurf entsprechend umgesetzt werden würde.

Die Harmonie zwischen den Gebäuden geht zum einen auf die Gestaltungssatzung zurück, die das ganze Areal beschrieben und die sich an die historischen Vorbilder angelehnt hat, zum anderen auf die kontrollierende Arbeit des Gestaltungsbeirat. Für den Wettbewerb wurden die Modelle nebeneinandergestellt, um zu ermessen, welche Häuser gut zueinander passen. Das alles zusammen hat dann den Ensemblecharakter mitgestärkt.

Wir standen mit den Architekten der Nachbarhäuser in Kontakt, weil es auch Abstimmungsthemen gab, teilweise auch Detailfragen, die gemeinsam geklärt werden mussten.

Die politische Ebene haben wir nur am Rande mitbekommen, aber dass es einen breiten gesellschaftlichen Konsens gab für dieses Projekt, das fanden wir sehr gut. Als Architektin will ich ja nicht gegen die Stadtgesellschaft bauen. Und das auch noch einmal von unterschiedlichen Seiten mit draufgeguckt wurde, ohne dass es jetzt einen populistischen Charakter angenommen hätte, sondern auch auf hohem Niveau, wo eben vor allem auch der Gestaltungsbeirat gute Dienste geleistet hat, würde ich sagen, ist dem Projekt sehr zugute gekommen. Auch dieses starke Sich-kümmern der DomRömer GmbH bis hin zur Vermietung der Erdgeschosse. Man hatte das Gefühl, dass das Projekt wirklich sehr sorgfältig von allen Seiten betreut wurde. Und das hat die Qualität, glaube ich, mit ausgemacht.

Insgesamt haben wir von 2012 bis 2018 immer wieder am Dom-Römer-Projekt gearbeitet. Das war recht lang für ein Bauprojekt und einerseits ungewöhnlich, weil die einzelnen Häuser ja sehr klein maßstäblich sind; andererseits aber macht es auch die Qualität aus, dass eben nicht so schnell vorgegangen worden ist, sondern sich einiges auch wirklich entwickelt hat, auch noch mal in Frage gestellt wurde. Manchmal machen wir Scherze und sagen, es gibt in Berlin so manches Ministerium, was ein bestimmtes Fensterformat hat, das über die ganze Länge abgemetert wird, da ist weniger Detailaufwand, übertrieben formuliert, betrieben worden als bei diesen kleinen Puppenstuben in der Neuen Frankfurter Altstadt, wo wirklich jede Ecke maßgeschneidert ist. Das macht sich schon bemerkbar.

Aber weil es eine schöne Aufgabe war und weil man tolle Themen auch ausarbeiten konnte, hat das sehr viel Spaß gemacht. Und, ja, ich glaube, es spiegelt sich eben auch diese hohe Qualität bei den meisten Häusern wider und wird auch so wahrgenommen.

Susanne und Marc

Die Arbeit am Dom-Römer-Projekt hat uns viel Renommee eingebracht, aber auch viel Kritik von Kollegen und Kolleginnen. Insgesamt ist es wirklich der Stadt zu verdanken, dass es genug finanzielle Mittel gab, unabhängig von der Frage, ob man das alles zeitgemäß betrachtet oder nicht, um gute Qualität zu liefern. Wir sind davon überzeugt, dass man das der Bevölkerung auch schuldig war, denn die Passanten erkennen, wenn etwas schlecht oder schlampig gemacht worden ist, wie man oft auch bei Neubauten erleben kann.

Tatsächlich zielte die Kritik grundsätzlich auf die Form, die wir „Altneu-Architektur“ nennen, also wo das Neue durch das Alte spricht und das Alte durch das Neue. Die Frage wurde gestellt, ob das die richtige Antwort sei für die Zeit, in der wir leben oder ob man nicht ganz anders bauen müsse, sogar grundsätzlich für jemand anderen bauen sollte. Aber vielleicht auch gerade durch unsere Tätigkeit im Bereich der Stadtplanung sehen wir generell die Dinge zeitlich etwas gelassen. Man muss dem ganzen Projekt, um es beurteilen zu können, ungefähr 10 bis 20 Jahre geben. Dann wird man sehen, ob es zu einem Teil des Gesamtstädtischen geworden ist, ohne jetzt noch in dieser Blase der Kritik und auch der vielen, natürlich Belobigungen zu leben, ob es dann Teil der städtischen Gebäudeskulptur geworden ist.

Aber zeitgemäß oder nicht zeitgemäß, es ist faktisch städtisch, und städtisch heißt Einzelgebäude auf Parzellen, die ein Ensemble bilden, und nicht eine einzige Großform. Es gab Projektideen davor, die waren auf das Zusammenfassen der Parzellen, der Einzelgebäude hin ausgelegt, und da hatte man sofort auch ein Raunen gespürt in der Stadtgesellschaft, dass das an der Stelle eben doch nicht die richtige Antwort ist. Unser Schwerpunkt, der gestalterische Grundsatz unserer Arbeit, lässt sich ganz gut daran visualisieren, dass unsere Gebäude ja Neubauten, Neuentwürfe sind und ausgewählt wurden, weil es uns gelungen ist, die Orte in den Entwürfen zu reflektieren. Die Reflexion liegt darin, dass wir mit den unterschiedlichen Zeitschichten arbeiten, die an diesen Orten schon vorhanden waren und beispielsweise beim Hausmarkt 40 das gotische Dach, die Spitzgiebelform mit den entsprechenden Geschossen aus der Gotik aufnehmen, das verputzte Thema von Fachwerk aus dem Barock aufnehmen und das Übereckfenster aus der frühen Moderne.

Ein ähnliches Thema, nur noch eine Zeitschicht weiter, haben wir dann beim Haus Markt 8 aufgenommen, indem wir auch die 70er Jahre noch mal als durchaus diskussionswürdige Spolien vom Technischen Rathaus mit aufgenommen haben. Da ging es auch uns nicht unbedingt so darum, dass es ästhetisch ist, sondern dass wir den Versuch machen zu schauen, ob man auch aus dieser jüngsten Zeit Fragmente in die Neubauten übernehmen kann, die Erinnerungsgeschichte der 60er Jahre mitvisualisieren.

Zunächst hat uns dafür die unmittelbare Abbruchgeschichte des Technischen Rathauses in die Hände gespielt; wir hatten am Anfang schon die Idee, uns ganze Fassadenteile erstmal zu sichern, vom Abbruch. Dann wurde aber in dieser komplexen Baustelle vergessen, noch etwas zu retten. Erst durch den Vorgang des Abräumens wurden dann tatsächlich durch Zufall jene Fragmente hergestellt, die wir schlussendlich eingebaut haben. Das ist wirklich die Ironie der Geschichte, dass die Herstellung von Spolien, wenn man nämlich gar nichts macht, automatisch passiert.

Der Brutalismus an sich, wie ihn auch das Technische Rathaus repräsentierte, hat ja zurzeit eine hohe Bedeutung in der Architekturdiskussion, vor allem auch im Denkmalbereich. Für uns spiegelt diese Architektur auch die eigene Zeit wider, in die wir hineingeboren worden sind und auch sozialisiert wurden.

 Wir kennen so viele solcher Gebäude aus dem eigenen Leben, dass wir diese Architektur auch mit einem weinenden Auge sehen, denn es war wohl die letzte Architektur, wo Raum, Schöpfung, Konstruktion, Materialität eine solche exzentrische Ausprägung hatten, bevor dann die neuen Dämmvorschriften kamen. Solche Übergänge von innen und außen, wie das bei diesen Gebäuden der Fall war oder ist, ohne irgendwie an eine Wärmedämmung auch nur zu denken, wäre heute nicht mehr möglich. Auch baukonstruktiv nicht. Deswegen sind das schon an sich Unikate, die auch die Schwierigkeit machen werden, will man sie für die Zukunft instand setzen und bewahren, weil sie eben nicht mehr unseren heutigen technischen Anforderungen entsprechen. Wenn die dann wärmegedämmt werden, erleben sie den eigentlichen Tod. Dann kann man dieses Konzept vergessen. Insgesamt ist es immer ein Problem, wenn eine Architektur kaum noch Substanz hat, über das hinaus, was gerade konstruktiv notwendig ist. Das macht im Gegensatz dazu eben städtische Architektur aus, die sich in eine Reihe einfügt, die eine Schaufassade hat zur Straße, die vielleicht mal Stuck hat, mal nicht, vielleicht ist sie auch relativ kahl; damit kann man viel besser arbeiten und diese Fassade auch überarbeiten als ein Gebäude, was in sich eine wahnsinnige eigene Kraft hat im Ausdruck und auch eine eigene, wie soll ich sagen, bedingte Architektur ist, die sich nicht anpassen lässt. Eine skulpturale Architektur, die nur genau so sein kann.

Wenn man zum Beispiel in Italien ist, dort ist das wirklich ausgeprägt, trifft man auf Straßenzüge mit Gebäuden, die eigentlich gar keine Fassaden haben. Das sind bestenfalls geputzte Häuser in engen Gassen mit oft nicht mal symmetrischen Fensteranordnungen. Doch dann kommt eine Platzaufweitung und dort ein Gebäude, dem man einfach noch eine Fassade dazu gegeben hat, also noch mal eine schöne Gestalt, wenn es beispielsweise etwas zu repräsentieren hat. Das verstehen wir eigentlich unter Stadtraum. Es kommt immer erst der öffentliche Raum, der wird begrenzt durch einzelne Gebäude. Diese Gebäude haben nochmal, je nach Standort und je nach Bedeutung eine eigene Gestalt.

Wir sind davon überzeugt, dass man auch hier durchaus wieder etwas sensibler geworden ist, im Gegensatz wie noch vor 20 bis 30 Jahren. Zum einen, weil man Baulücken schließt in den Städten, die man vorher nicht als Baulücken wahrgenommen hat; also der aktuelle Bauboom an sich führt dazu, dass man sich mit städtischen Themen, städtischem Vokabular von Architektur auseinandersetzen muss. Zum anderen auch, weil man nicht mehr zersiedeln will und nicht mehr versiegeln sollte, nach außen hin. Verdichtung ist ein großes Thema.

Der menschliche Maßstab, auch wenn das manchmal ein bisschen abgedroschen klingt, spielt bei diesen öffentlichen Räumen, die dieses Wir-Gefühl überhaupt erschaffen können, eine Rolle. Wenn ich eine Straßenbreite habe, wo ich das Wir-Gefühl gar nicht mehr erleben kann mit demjenigen, der auf der anderen Straßenseite lebt, dann habe ich nichts von diesem öffentlichen Raum als Anwohner oder als Mensch. Dann ist der sehr wahrscheinlich eher dem Verkehr gewidmet oder der reinen Repräsentation wie auf der Champs-Élysées. Dann hat der Stadtraum eine andere Aufgabe.

Das ist vielleicht eben auch noch mal wichtig zum Verständnis: Wir sind jetzt nicht exklusive Altstadt-Bauer, sondern es geht, wie gesagt, um die Vervollständigung des Vokabulars der einzelnen Quartiere in der europäischen Stadt. Das fängt im Kern an und geht raus in die neueren Viertel. Und das macht eigentlich unser Erbe aus.

Susanne Keller , Architektin. Zusammen mit Mar Jordi als „Jordi & Keller Architekten“ verantwortlich für die Häuser Markt 8 „Großer Rebstock“ und Markt 40 „Zu den drei Römern“.

Gesamtes Gespräch im April 2021 - Zusammenschnitt

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

© 2021 Freund & Mank - www.freundmank.de - All Rights Reserved

Pfeil_links_FM
Back to top Arrow